Interview

Cannabis: Medizin oder Gift?

Für die Entscheidung, ob Cannabis legalisiert oder der Konsum entkriminalisiert werden soll, spielen medizinische Argumente eine wesentliche Rolle.

Die „Kriminalpolizei“ hat zwei namhafte im Bereich der Suchterkrankungen tätige Ärzte um ihre Meinung gefragt: Univ. Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller, Psychiater und Psychotherapeut, ist Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene, eines Behandlungszentrums für Suchtkranke in Vorarlberg. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Kriminalpsychiater und Gerichtssachverständiger hat er unter anderem Gutachten zu Jack Unterweger und Franz Fuchs erstellt.
Univ. Prof. Dr. Gabriele Fischer, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, leitet die Drogenambulanz, Suchtforschung und Suchttherapie an der Medizinischen Universität Wien. Sie ist als Beraterin für das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODOC und die Weltgesundheitsorganisation WHO tätig.

Kriminalpolizei: Für wie gefährlich halten Sie den Konsum von Cannabis? Sind Bedenken – z. B. im Hinblick auf Cannabis als Einstiegsdroge, negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung oder den heutzutage höheren THC-Gehalt der Pflanzen – begründet?
Fischer: Cannabis ist keine Einstiegsdroge. Es gibt neurobiologisch den Hinweis auf einen negativen Einfluss auf das Reifen von Gehirnzellen beim Menschen, das hat sich auch bei Tierversuchen gezeigt. Die Auswirkungen hängen aber, wie bei jeder „Droge“, von Menge und Intensität ab, ebenso vom Alter. Bei einem noch nicht ausgereiften Gehirn ist daher besondere Vorsicht geboten.
Haller: Cannabis ist – wie jede Droge – neutral, entscheidend sind Art und Umfang der Anwendung. Cannabis ist aber nicht so harmlos, wie dies oft dargestellt wird, zumal es heute in hochkonzentrierter Form verwendet wird. Besondere Gefahren liegen in regelmäßigem Gebrauch höherer Dosen, da dadurch ein anhaltender Motivationsverlust ausgelöst werden kann. In manchen Fällen kommt es zu sogenannten drogeninduzierten Psychosen, welche einen ähnlichen Verlauf wie schizophrene Erkrankungen nehmen können.

Welche Folgen hätte eine Legalisierung? Gäbe es in diesem Fall Mittel, um einen Anstieg von gesundheitlichen oder sozialen Problemen durch – vermehrten – Konsum zu verhindern? Oder könnte die Legalisierung anders gesehen bei staatlicher Kontrolle des Anbaus sogar das Risiko von Schäden durch „schlechte Ware“ und von Kriminalisierung, z. B. bei jungen Menschen mit Probierkonsum, vermindern?
Fischer: Eine Legalisierungsdiskussion kann dann stattfinden, wenn zuvor die notwendigen Rahmenbedingungen gesetzlich, aber auch im Bereich der gesundheitsbezogenen Maßnahmen, geschaffen worden sind – also gegenwärtig kein Thema. Wir haben hier Rahmenbedingungen sowohl durch die EU als auch durch die UNO vorgegeben.
Das Thema der Entkriminalisierung ist wesentlich und im Prinzip in Österreich auch für den Konsum gegeben – man könnte allerdings die erlaubte Grenzmenge für den Eigenbedarf erhöhen, ähnlich wie in Portugal. Das würde dem Staat und damit der Gesellschaft Geld sparen. Wesentlich ist aber, gerade hier auf die Gruppe der Jugendlichen zu achten, die häufig wegen anderer zugrundeliegender psychiatrischer Störungen, etwa Angststörung, Depression oder ADHS, zu viel Cannabis rauchen, um ihre Beschwerden sozusagen „selbst zu behandeln“. Hier sind die aktive Mitwirkung von Pädagogen und dann kompetente Diagnostik und Therapie gefragt.
Haller: Mit der Griffnähe und vermehrten Verfügbarkeit einer Substanz würden sowohl Gebrauch als auch Missbrauch und Abhängigkeit ansteigen. Probleme mit freigegebenem Cannabis hätten weniger die gefestigten, in guten Verhältnissen lebenden Menschen, als vielmehr jugendlich-unreife, psychisch labile und sozial benachteiligte Menschen. Diese haben ja viel mehr Gründe zur „Flucht in die Sucht“. Eine Legalisierung würde zweifelsohne zu einer Industrialisierung der Cannabisproduktion und des -vertriebs führen, das heißt, es würde qualitativ hochwertige Ware in klinisch reiner Form nach den Gesetzen der Pharmaindustrie verbreitet.

Welche Möglichkeiten und Risiken gibt es bei der Anwendung aus Cannabis gewonnener Wirkstoffe – THC bzw. CBT – in der Medizin?
Fischer: Es gibt sehr gute und nebenwirkungsarme Medikamente für bestimmte Schmerzpatienten; hier wäre weniger Bürokratie besser.
Haller: Alle Drogen, auch Opiate oder Kokain, sind auch Heilmittel und haben therapeutische Funktionen. Unzweifelhaft hat Cannabis einen schmerz- und krampflindernden, beruhigenden und entspannenden, oft auch einen schlafanstoßenden Effekt. Cannabis erreicht aber in keiner Funktion die Wirksamkeit von medizinischen Originalsubstanzen. Der Effekt von „Cannabis als Medizin“ wird weit überschätzt, die Nebenwirkungen werden heruntergespielt.

Könnten Sie sich bei Cannabis bzw. bei anderen derzeit unter das Suchtmittelgesetz fallenden Substanzen eine Legalisierung vorstellen?
Fischer: Eine Erleichterung für medizinische Therapien, z. B. keine Rezeptierung auf Suchtgiftrezepten, wäre sinnvoll.
Haller: Ob wir wollen oder nicht, ist Cannabis gerade bei jüngeren Menschen zu einer Alltagsdroge geworden. Mindestens 30 Prozent der österreichischen Jugendlichen berichten über Probiererfahrungen, in Großstädten haben schon 70 Prozent Cannabis zumindest singulär genommen. Dem müsste die Gesetzgebung Rechnung tragen, da ja nicht alle Konsumenten Kriminelle sind. Dies wäre möglich, wenn man Besitz und Konsum geringer Mengen mit Ordnungsstrafen belegt. Dadurch würde signalisiert, dass wir neben der Volksdroge Alkohol nicht eine zusätzliche Gesellschaftsdroge brauchen. Gleichzeitig würden Gelegenheitskonsumenten nicht kriminalisiert.