Interview

„Klicken wir uns mal rein!“

Wie radikalisieren sich Jugendliche im Netz? Was senden die Dschihadis? Nico Prucha hat es erforscht. Ein Gespräch über die IS-Propaganda im Kinderzimmer.

Nico Prucha ist ein unauffälliger junger Mann mit einem ganz besonderen Beruf. Der Arabist und Islamwissenschafter Prucha erforscht seit Jahren die Foren, Websites und Videos von IS-Propagandisten. Es sind jene digitalen Höhlen, in denen sich immer mehr Jugendliche und auch Kinder verirren und in denen sie radikalisiert werden. Wer wissen will, wieso in Wien schon 12jährige vom Bombenbauen faseln, der muss Prucha zuhören, auch deshalb, weil er Auswege kennt.
Kriminalpolizei: Herr Prucha, Sie erforschen seit Jahren die Internetforen und Videos der Dschihadisten. In Österreich hat sich ein Jugendlicher offenbar im Netz radikalisiert. Was müssen seine Eltern wissen?
Nico Prucha: Zunächst müssen wir verstehen, dass neue Medien für den IS ein ganz wesentlicher Kriegsschauplatz sind. Wer die theologischen Wurzeln des Diskurs und der Bildsprache dort nicht versteht, hat schlechte Chancen an die Jugendlichen heranzukommen. Der Islamische Staat hat etwa zweitausend Videos veröffentlicht, die fast alle religiöse Referenzen haben.
Was sehen wir dort?
Prucha: Wir blicken erstaunt auf die Grausamkeit, die dort dokumentiert ist. Aber wir negieren, dass die Taten von den Dschihadisten stets mit dem Koran legitimiert werden und zwar in sehr langen ausufernden Debatten. Wenn die IS-Leute Territorien verlieren, zersetzt das die Identität der IS-Kämpfer noch lange nicht. Eine sehr kräftige Wurzel ihrer Herrschaft ist ihre Spiritualität, die sich auch in ihrer Medienstrategie im Internet manifestiert. Diese Form der angewandten Theologie jedoch ist für die überwiegende Mehrheit der Muslime weltweit irrelevant, genauso wie die extremistische Theologie bibeltreuer Abtreibungsgegner für die meisten Christen keine Rolle spielt.
Wo kann ich die neuesten Nachrichten der Dschihadisten im Netz finden?
Prucha: Früher gab es ein paar versteckte Foren. Dann wurde Twitter als Kriegsschauplatz wichtig. Das hat sich geändert, weil die IS-Accounts heute schnell geblockt werden. Jetzt können die IS-Leute nur kurz auf Twitter reinstürmen, ihren Content abladen, und dann werden die Accounts schon geblockt.
Was ist in den Foren zu finden?
Prucha: Da sind zum einen ungeschnittene kleine Videos. Der IS schmeißt pro Tag zwei, drei solcher Clips von Kampfhandlungen ins Netz. Die „Reporter“ des IS filmen kurze Szenen, man kann kurz in einen Kampf reintauchen, das Kampfgeschehen sehen und dann wieder „rausgehen“. Der IS inszeniert sich aber in den Filmchen nicht nur als kriegerischer Macht, sondern vor allem auch als helfende Institution. Man sieht etwa die IS-Feuerwehr, wie sie nach einem US-Bombenangriff ein Haus löscht. Es sind Szenen, die zeigen sollen, dass der Islamische Staat auch wirklich als bürokratischer Staat funktioniert und ein menschliches Antlitz hat.
Dann haben wir noch diese sehr aufwändig produzierten Videos, etwa von Hinrichtungen...
Prucha: Ja, in bester HD-Qualität im 16:9 Format. Sie sollen nachhaltig wirken. Sie werden von „IS-Landesstudios“ erstellt, wenn Sie so wollen. Die Masse dieser Videos ist in arabisch. Sie dienen ganz gezielt der Rekrutierung im arabischen Raum. Ausländer kommen nur selten vor.
Was wissen wir im Westen über die Videos nicht?
Prucha: Dass wir darin fast immer religiöse Codes finden, dass die abscheulichsten Taten mit religiösen Argumenten gerechtfertigt werden. Die einen diskutieren, wie man eine Köpfung legitimiert, die anderen, wie man mit Abtrünnigen verfahren muss.
(Prucha nimmt ein Handy zur Hand und zeigt ein Chatforum auf dem Nachrichtendienst Telegram)
Prucha: Klicken wir uns mal rein. Sie sehen, jeder kann sich theoretisch dazu setzen und mitreden.
Die Chatforen muss man sich also wie eine Art Religionsstunde der Dschihadisten vorstellen?
Prucha: Hier finden sich Sympathisanten. Jedes Kind kann sich da hineinbegeben. In den religiösen Debatten werden auch immer wieder kurze Videos eingebettet. (Prucha klickt eines an) Schauen Sie: hier sehen wir einen Kämpfer mit Helmkamera. Im Hintergrund erklärt jemand, dass er auf dem Pfad Gottes geht. Nun wird er offenbar tödlich getroffen und eine zweite Kamera hält nun seinen Leichnam fest. Er ist nun ein Märtyrer. Und unter dem Video sehen wir schon das „community approval“, die Leute liken das Video und setzen dazu religiöse Referenzen, die diese tragische Situation im Sinne der Dschihadis framen. Die Message: Hier ist einer unserer Kämpfer der als Märtyrer gefallen ist.
Und das alles können wir hier im Cafe Westend unkompliziert mitverfolgen.
Prucha: Oder schauen Sie hier: der Kanal „State of Islam“. Da kann ich mir alte Videos mit englischen Untertiteln runterladen. Alles, was wir hier sehen, hat religiöse Referenzen. Das ist das zusammenhaltende Narrativ. Das geht Non-Stop, rund um die Uhr. Wenn sie hier in diesem Forum das Suchwort „mp4“ eingeben...
... finden wir auf einen Schlag hunderte Videos...
Prucha: Und sie alle erklären uns das komplexes Gerüst der physisch manifestierten Religiosität der Dschihadisten. Kopfabschneiden, Leute vom Dach stürzen, Soldaten verbrennen: so hart es klingt, aber für die Dschihadis ist das gelebte Religion, ob es uns passt oder nicht. Es ist nicht mehr so wie früher, wo ein paar Al-Kaida Krieger einer Geisel den Kopf abschneiden, weil sie sich für irgendetwas rächen wollen. Das Köpfen ist eine rituelle Handlung geworden, die mit positiven Bildern aus dem Kalifat vermengt wird. Als kürzlich ein Pilot verbrannt wurde, gab es auch unter den Dschihadis einige Proteste. Aber in einem Video wurde diese Tat religiös inszeniert. Das Narrativ war Auge um Auge, Zahn um Zahn: der Soldat wurde als Spion gefasst. Man sieht nun, wie er beichtet, ja er spielt mit wie er verhaftet wird, dann kommt in dem Video die Information, dass er eine Information an nicht islamische Parteien verraten hat, weshalb die Amerikaner ein Haus bombardieren konnten. Man sieht dann diesen „Verräter“ vor den Ruinen des Hauses. Und dann kommt die religiöse Strafe, die Sanktion in Form einer Enthauptung, genau dort, wo die Bombe eingeschlagen hat.
Wir erleben also eine Verfilmung von Theologie?
Prucha: So kann man das sehen. Wenn Homosexuelle vom Dacht gestoßen werden, dann wird das als religiöse pädagogische Maßnahme gedeutet und zwar für ein globales Publikum.
Wer schaut sich das an? Ein paar Verrückte? Oder verändert das auch den islamischen Mainstream?
Prucha: Die Dschihadis der Achtzigerjahre waren noch eine Freaktruppe. Heute reden wir von ein paar Zehntausend. Ihre Zahl wächst aber rasant an und die perfekte IS-Propaganda ist ein Grund dafür. Die Dschihadis pflegen und hegen ihre Medien. Auch Übersetzungen sind übrigens ein wichtiger Beitrag, um zu wachsen. In Europa gibt es viele zweisprachige Aktivisten, die nur deshalb eine hohe Autorität genießen, weil sie die Predigten aus dem Arabischen übersetzen können, weil sie auf einmal erklären können, was etwa IS-Chef Baghdadi sagt. Mohammed Mahmoud, der Islamist und IS-Mörder aus Wien, hat im Knast die Zeit genutzt, um sich auszubilden. Er war dann der Macker, der den anderen auf Deutsch die Welt des Dschihads erklärte. Die professionelle Positionierung der IS-Medien, deren kohärente Inhalte sowie die Dauerpräsenz des IS in den globalen Mainstreammedien beeinträchtigt durchaus den mehrheitlich friedlichen und pluralistischen bzw. nicht-politischen islamischen Mainstream. „Islam“ per se wird zu oft auf den IS reduziert und Muslime müssen sich für etwas rechtfertigen, von dem sie genauso weit entfernt sind wie der Durchschnittsösterreicher von der Nazi-Ideologie.
Was heißt all das für die große Mehrheit der Muslime, die nicht radikal ist?
Prucha: Die Mehrheit wendet sich davon angewidert ab. Und hier besteht ein Problem: es gibt kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Inhalten.
Sie beraten die Nahdlatul Ulama, die mächtigste muslimische Organisation in Indonesien mit 50 Millionen Gläubigen. Was ist mit Österreich?
Prucha: Da geschieht schon manches. Es gibt einige Prediger, die bereits reagieren. Etwa Scheich Adnan Ibrahim, in der Leopoldstädter Schura-Moschee. Er erstellt Youtube-Videos seiner Predigten und erklärt, wieso die Interpretationen des IS gefährlicher Unsinn ist oder dass das Ermorden schiitischer Muslime theologisch nicht zu rechtfertigen ist und als Verbrechen gilt. Tarafa Baghajati veröffentlicht über seinen YouTube Kanal islamische Botschaften auf arabisch und deutsch in denen er klar Stellung gegen religiöse Intoleranz bezieht und über „europäische Werte und Islam“ spricht. Und das tut dem IS schon weh. Wir brauchen aber viel viel mehr solcher authentischer „counter narratives“. Leider gehen diese oft unter, weil der IS eine überhöhte Aufmerksamkeit erhält.
Wir haben im Netz also eine Art digitale Höhle von Fanatikern, in die jeder Jugendliche ganz leicht eintreten kann, in die sich aber kaum gemäßigte Erwachsene trauen, um zu widersprechen.
Prucha: Richtig. Die Jugendlichen sitzen dann am digitalen Lagerfeuer der Dschihadis. Das, was aus der Höhle rauskommt muss daher sofort von den Betreuern der Jugendlichen angesprochen werden!
Aber wie?
Prucha: Bei den Neonazis kennen wir gute Aussteigerprogramme. Ich vertraue aber vor allem der Jugendsozialarbeit, die in Wien wirklich hervorragend ist, ich wage zu sagen, dass wir hier weltweit führend sind. Ich nenne zum Beispiel die Leute von back bone – mobile Jugendarbeit und dem Verein Wiener Jugendzentren. Sie kooperieren und arbeiten mit uns, um zu verstehen, was die Jungs da im Netz ansehen. Und sie wollen eine alternative Erzählung anbieten und so der Propaganda entgegenwirken. Wir arbeiten zum Beispiel gerade mit einem tschetschenischen Aussteiger und gestalten ein Video, das im IS-Style angefertigt wird und der Propaganda entgegenwirken soll. Doch das ganze ist sehr teuer und wir suchen noch Geldgeber.
Kann man den Brainwash rückgängig machen?
Prucha: Ja. Aber wir müssen verstehen lernen, das die Anhänger der Dschihadis ganz anders denken als wir, religiöser, mystischer. Dass sie zum Beispiel eine reale Angst haben ins Höllenfeuer zu kommen. Wir können das belächeln, aber es ist so.
Interview: Florian Klenk