Cannabis

Legal, illegal...

Der Trend geht weltweit in Richtung Liberalisierung. Die unterschiedlichen Modelle verschiedener Staaten, von totaler Freigabe bis zu teilweiser Entkriminalisierung, haben auch hierzulande ihre Anhänger.

Seit Juli dieses Jahres ist der Konsum von Cannabis als Genussmittel legal. Der Staat beauftragt Unternehmen mit dem Anbau und sorgt für die Qualitätskontrolle. Wer sich registriert hat, kann sich 40 Gramm pro Monat aus der Apotheke besorgen; Hobbygärtner dürfen bis zu sechs Pflanzen für den Eigenbedarf anbauen. Diese Regelung gilt, um keinen Drogentourismus aufkommen zu lassen, nur für Staatsbürger. Kiffen auf öffentlichen Plätzen ist ebenso wenig erlaubt wie high sein am Steuer. Die Regierung erhofft sich von der Gesetzesänderung einen Rückgang der Drogenkriminalität; Gegner befürchten einen Anstieg des derzeit bei rund zwei Prozent liegenden Anteils an Konsumenten.
Das ist keine im Drogenrausch halluzinierte Wunschvorstellung, sondern, wie am Thema Cannabis-Legalisierung Interessierte ohnehin wissen, Realität – in Uruguay. Der kleine lateinamerikanische Staat gilt damit als Vorzeigeland für all jene, denen das Cannabis-Verbot ein Dorn im Auge ist. Auch einige US-amerikanische Bundesstaaten gehen den Weg der Legalisierung, weitere Staaten rund um den Globus haben ers­te Schritte in Richtung Straffreiheit unternommen – und die Länder, die selbst die medizinische Nutzung von Cannabisprodukten untersagen, sind global gesehen bereits deutlich in der Minderheit.
So weit die Fakten. Darüber, ob dieser Trend nun begrüßenswert oder fatal ist, herrscht Uneinigkeit. Auf der einen Seite diejenigen, die schon für den Besitz von 200 Gramm Haschisch am liebs­ten die Todesstrafe fordern würden, wie in Singapur, auf der anderen die ständig bekifft durch die Gegend torkelnde „Recht auf Rausch“-Fraktion? So einfach ist das nicht. Auch wenn Legalisierungsgegner und -befürworter in diversen Publikationen gerne übereinander herziehen, lassen sich mit etwas gutem Willen bei denjenigen, die sich einigermaßen ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen, Berührungspunkte finden. Immerhin gibt es zwischen Totalverbot und totaler Freigabe – durchaus sinnvolle – Abstufungen.

Süchtig – oder nicht? Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass man nach Cannabis süchtig werden kann, aber nicht zwangsweise muss. „Cannabis ist eine psychoaktive Substanz und kann bei übermäßigem Konsum auch Probleme bereiten“, formuliert es David Rosse vom Österreichischen Hanf Verband, Organisator und Gründer des Hanfwandertags – nicht, ohne diese Probleme zu relativieren: „Für die meisten Personen sind jedoch die Folgen der Strafverfolgung wie Haft, Arbeitsplatzverlust, sozialer Abstieg, Führerscheinverlust, Schulden für einen Anwalt und oftmals Ausschluss aus der familiären Gemeinschaft weitaus tragischer und weitreichender als die Nebenwirkungen der Substanzen selbst.“
Für den Psychotherapeuten Dr. Kurosch Yazdi, Primararzt der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler Universitätsklinikums Linz, stellt sich die Situation etwas anders dar. In seinem heuer erschienenen Buch „Die Cannabis-Lüge. Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient“, schreibt Yazdi, dass neun Prozent aller Cannabis-Konsumenten eine Abhängigkeit entwickeln. Bei denjenigen, die schon vor dem 18. Lebensjahr gelegentlich zum Joint greifen, sind es später 17 – und bei Minderjährigen mit täglichem Konsum je nach Studie 25 bis 50 Prozent.
Das mit den Studien ist so eine Sache. Legalisierungsgegner ebenso wie -befürworter berufen sich auf eine wachsende Anzahl von Untersuchungen, die, je nach Standpunkt, die Gefährlichkeit bzw. die (relative) Unbedenklichkeit des umstrittenen Krauts beweisen. Man muss schon ein Experte auf dem Gebiet sein und viel Zeit haben, um diese Studien zu lesen und beurteilen zu können, wie wissenschaftlich bei der Erhebung und der Auswertung der Daten vorgegangen worden ist. In dieser Frage als neutral angesehene Medien wie der ORF, konkret dessen Wissenschaftsredaktion, präsentieren der interessierten Öffentlichkeit alle paar Monate eine neue Untersuchung, die oft zu ganz anderen Ergebnissen kommt als die jeweils vorherige.
Was sind nun die Auswirkungen des Konsums von Haschisch oder Marihuana? Yazdi beschreibt in seinem Buch auf vielen Seiten, wie Cannabis „Körper, Geist und Seele schädigt“: Es kann Schizophrenie, Paranoia, Halluzinationen, Depressionen und Psychosen auslösen. „Bei der israelischen Armee gibt es derart große Probleme mit Cannabisabhängigkeit und -psychosen, dass eigene Cannabis-Suchtkliniken nur für Soldatinnen und Soldaten eingerichtet wurden“, nennt der Suchtmediziner ein Beispiel.
Außerdem verringert Cannabis die Motivation und verursacht Funktionsstörungen des Gehirns bei ungeborenen Kindern kiffender Mütter, so Yazdi. Wer noch vom letzten Joint benebelt Auto fährt, habe eine verlangsamte Reaktion und damit eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit. Unter dem Einfluss der Droge sinke die Arbeitsfähigkeit und -willigkeit – mit dem Resultat, dass z. B. in Deutschland 44 Prozent der Cannabis-Süchtigen arbeitslos sind.

Kein Job für Kiffer. Letztere Problematik lässt sich als klassisches Henne-Ei-Dilemma so oder so interpretieren: Sind Marihuana-Jünger auf dem Arbeitsmarkt nicht so gefragt? Oder zieht sich jemand, dessen Chancen auf eine Anstellung aus anderen Gründen nicht gerade optimal sind oder der gerade seinen Job verloren hat, eher ein paar Gramm rein als seine berufstätigen Zeitgenossen? Sollte man gar an den Zahlen, die von der renommierten Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht erhoben worden sind, zweifeln?
Rosse hat da seine eigenen Schätzungen: „Die meisten Cannabiskonsumenten – und damit meine ich 90 Prozent – stehen mit beiden Beinen im Leben. Sie haben eine abgeschlossene Ausbildung und gehen brav arbeiten. Sie haben sich lediglich für ein anderes Genussmittel entschieden als der Großteil unserer Gesellschaft. Eine Legalisierung würde nicht viel an der Situation ändern, außer, dass sie diesen Tausenden Menschen endlich erlauben würde, sich voll und ganz in die Gesellschaft zu integrieren.“
Würden auch der Hanfanbau und die Erzeugung von Cannabisprodukten legalisiert, käme das dem Staat in Form von Steuereinnahmen zugute. „Unsere Steuern sollte man effizienter verwenden als für die 'Verfolgung' braver Bürger“, so der Gründer des Österreichischen Hanf Verbands, der als Positivbeispiel Colorado nennt, wo ein Teil der Steuereinnahmen aus dem Cannabismarkt für Aufklärungskampagnen zweckgewidmet wird. Der eine genehmigt sich ab und zu ein gutes Glas Wein, der andere einen Joint – für den Vertreter des Hanf Verbands liegt der Unterschied allein in der ungleichen Behandlung dieser Substanzen durch den Gesetzgeber.
Auch Yazdi unterscheidet aus suchtmedizinischer Sicht nicht zwischen erlaubten und verbotenen Substanzen; ebenso wenig macht für ihn die Einteilung in „harte“ und „weiche“ Drogen Sinn: „Das klingt so, als wären die harten Drogen die gefährlicheren. Die meis­ten Toten gibt es durch Zigaretten, und der Großteil meiner Patienten ist Alkoholiker.“ Gegen die Freigabe von Cannabis sprechen für ihn rein pragmatische Gründe: Nikotin und Alkohol könne man aus gesellschaftspolitischen Gründen nicht verbieten, bei Alkohol nur die Abgabe an Jugendliche und die Promillegrenze im Straßenverkehr strenger kontrollieren. Die Freigabe von Cannabis würde weitere Probleme bringen und könne schwer rückgängig gemacht werden.
Wähler nicht verärgern. Das liege daran, so der Suchtmediziner, dass sich die in der Bevölkerung verbreiteten Ansichten zum Cannabiskonsum geändert hätten und die Jüngeren Cannabis positiver gegenüberstehen würden: „Wer gegen Cannabis ist, verliert die jungen Wähler.“ Dabei seien gerade die Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders gefährdet. Das zeigt sich auch daran, dass bei den unter 25-Jährigen, die eine Suchtberatung oder -behandlung wegen illegaler Drogen aufsuchen, Cannabis den Hauptgrund für ambulante oder stationäre Behandlung darstellt. Wo der Konsum legal ist, selbst wenn das nur für Erwachsene gilt, kiffen laut Yazdi auch mehr Minderjährige.
Die Jugend schützen will auch Rosse: „Junge Menschen sollten vor dem 16. oder 18. Lebensjahr möglichst wenig bis – im Idealfall – gar nichts konsumieren. Gerade im Bezug auf einen effektiven Jugendschutz ist daher eine Regulierung des Marktes nötig.“ Der Hanf Verband plädiert auf seiner Web-Site www.hanfverband.at dafür, dass der Nachwuchs durch Legalisierung die Chance bekommt, einen vernünftigen Umgang mit Cannabis – wie auch mit legalen Drogen – zu erlernen; Strafen seien da kontraproduktiv: „Man kriminalisiert normales jugendliches Experimentierverhalten und erschwert das Erlernen von Drogenmündigkeit. Junge Menschen werden dauerhaft stigmatisiert und ihre Lebenschancen gemindert.“
Die Gefahr der Stigmatisierung sieht auch Yazdi: „Der 16-Jährige, der kifft, soll nicht kriminalisiert werden, sonst ist er vorbestraft und bekommt keine Lehrstelle. Dann wird er arbeitslos und kifft erst recht. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, den 16-Jährigen nicht zu kriminalisieren, aber Cannabis von der Masse fernzuhalten?“ Eine Möglichkeit wäre, Kleinmengen nur mit Verwaltungsstrafen zu ahnden, so der Suchtmediziner, allerdings sei es schwer, sich auf eine Obergrenze festzulegen: Eine für den Eigenbedarf erlaubte Menge, beispielsweise drei Gramm, könne drei Prozent Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten – oder aber 35.
Böses THC, gutes CBD? Wenn von den Gefahren durch Cannabis die Rede ist, meint man meist Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Dieses ist psychoaktiv und kann süchtig machen – aber unter anderem auch Schmerzen lindern, Krämpfe lösen und den Appetit anregen. Befürworter der Verwendung von natürlichem Cannabis in der Medizin wehren sich demnach gegen eine Verteufelung des „bösen“ THC im Gegensatz zum „guten“ Cannabidiol (CBD), das z. B. gegen Entzündungen, Psychosen und Angstzustände wirkt. Diese beiden sind nur die bekanntesten einer Vielzahl von in der Hanfpflanze enthaltenen Substanzen.
Gerade die Kombination der verschiedenen Wirkstoffe mache Cannabis zu einem potenten Heilmittel, argumentiert Gerfried Düregger, Obmann der ARGE Canna. Der Verein unterstützt Patienten, die Cannabis bereits anwenden oder dies beabsichtigen. „In klinischen Untersuchungen wurde festgestellt, dass ein Großteil der dem Cannabis zugeschriebenen Wirkungsweisen auf die Synergie der verschieden Cannabinoide und Terpene zurückzuführen sind – dieser Effekt wurde in der Wissenschaft als 'Entourage-Effekt' beschrieben“, erklärt der ARGE-Obmann.
Yazdi dagegen ist, was die Freigabe von natürlichem Cannabis für medizinische Zwecke angeht, eher skeptisch: „Als Arzt muss ich die Menge des Wirkstoffs genau kennen. Wenn ein Patient Cannabis raucht, weiß ich nicht, wie viel THC drinnen ist und wie tief er inhaliert. Außerdem ist bei Cannabis bisher nur die Wirkung von THC und CBD gut erforscht, von den anderen Cannabidoiden weiß man viel zu wenig. Die Forschung hat erst vor sieben bis acht Jahren, seit Cannabis in den USA verstärkt legalisiert worden ist, so richtig begonnen. Das braucht Zeit, bis Ergebnisse vorliegen.“
In Österreich ist derzeit ein Arzneimittel mit Cannabis-Wirkstoffen zugelassen, das zur Verbesserung krampfartiger Symptome bei Patienten mit Multipler Sklerose eingesetzt wird. Es enthält die Kombination aus zwei Extrakten, von denen je eines von einer THC-reichen bzw. einer CBD-reichen Sorte stammt. Bei Übelkeit und Kachexie unter Chemotherapie sowie off-label zur Linderung chronischer Schmerzen, die auf keine andere Therapie ansprechen, kann ein Arzt Dronabinol verschreiben, das THC als Reinsubstanz enthält. Selbstmedikation mit natürlichem Cannabis ist verboten. „Auch schwerkranke Menschen, die sich zur Linderung ihrer Beschwerden mit Cannabis selbst therapieren, können gröbere Prob­leme mit den Behörde bekommen“, kritisiert Düregger.

Apotheken-Cannabis. Ein Umstand, den der ARGE-Obmann lieber heute als morgen geändert sehen würde. Zu diesem Zweck hat die ARGE Canna eine parlamentarische Bürgerinitiative ins Leben gerufen, die bereits von über 13.400 Menschen unterschrieben worden ist. Würde es nicht ausreichen, Cannabis wie in Deutschland legal in der Apotheke kaufen zu können? Das steht ohnehin auf der Wunschliste der ARGE, so Düregger, zusätzlich sollte aber die Möglichkeit geschaffen werden, dass die Patienten ihre selbst produzierte Medizin in die nächstgelegene Apotheke zur Analyse bringen können. Das würde die Krankenkassen entlasten – immerhin koste ein Gramm Apotheken-Cannabis 20 Euro und mehr.
Bezüglich der „weitreichendsten Gesetze, was die Erstattungsfähigkeit von Cannabis-Arzneien betrifft“, ist Deutschland für Düregger das größte Vorbild. Israel hat das am besten entwickelte Arzneihanf-Programm und ist neben den USA führend in der Erforschung des medizinischen Nutzens von Cannabis. „Wir würden uns für Österreich einen Weg wünschen, der sich an der Versorgungssituation Israels, an der gesetzlichen Regulierung mit Erstattung durch die Krankenkassen wie in Deutschland sowie an der Preisgestaltung und Eigenverantwortung der Menschen wie in Uruguay orientiert“, so der ARGE-Obmann.
Ob die Eigenverantwortung als Schutz vor negativen Auswirkungen des Cannabis-Konsums ausreicht, darüber scheiden sich die Geister. Düregger betont zwar, dass der Fokus der ARGE Canna nicht auf der generellen Legalisierung von Cannabis liegt, beruft sich aber auch auf Erkenntnisse, nach denen eine Legalisierung gesundheitliche und soziale Schäden reduziert. Rosse plädiert für legalen Konsum mit Qualitätskontrolle, denn auf dem Schwarzmarkt sei es so, „als würde man vor einem Alkoholregal mit schwarzen Flaschen stehen – ob Wein oder Schnaps drinnen ist, muss man selbst herausfinden.“
Für Yazdi dagegen ist klar, dass es weniger Süchtige gibt, wenn eine Subs­tanz weniger verfügbar ist. In seinem Buch beschreibt er drei mögliche Szenarien zur Schadensbegrenzung, wobei er die „strenge Variante“ bevorzugt: Cannabis und synthetische Cannabinoide bleiben illegal, aber der Konsument wird nicht mehr „wie ein Schwerverbrecher behandelt“ und kommt bis zu einer – am besten EU-weit einheitlichen – Grenzmenge mit einer Verwaltungsstrafe davon. Natürlich habe auch dieses Szenario Nachteile, etwa eine zum Teil „unnötige Beschäftigung von Gerichten und Polizei“. Man sollte das differenziert sehen, so der Suchtmediziner: „Nicht jeder Legalisierungs-Befürworter ist ein Dummkopf, und auch unter den Gegnern gibt es welche, die dogmatisch sind. Man muss 'open minded' bleiben.“
Rosemarie Pexa