Buch

Traiskirchen

2015 schwappte eine gewaltige Flüchtlingswelle über Österreich: Fast 89.000 Menschen suchten in Österreich um Asyl an, über 900.000 Migranten gelangten durch Österreich nach Deutschland und in andere EU-Staaten.

Die Flüchtlingsströme bedeuteten für die Behörden und Organisationen in Österreich eine enorme Herausforderung. Im September 2015 erreichte die Flüchtlingswelle in Österreich den Höhepunkt. „Allein in der Betreuungsstelle Ost in Traiskirchen waren bis zu 4.700 Flüchtlinge, 1.500 von ihnen hatten kurzzeitig kein Dach über dem Kopf“, sagte Hofrat Franz Schabhüttl, 13 Jahre lang Leiter der Betreuungsstelle Ost, bei der Präsentation des Buches „Brennpunkt Traiskirchen“ am 24. März 2017 in Wien. Mit dem Journalisten Andreas Wetz („Die Presse“) hat Schabhüttl ein Sachbuch verfasst, das einen Einblick in das Innere einer großen Flüchtlingsbetreuungsstelle gibt: Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, Betreuung und Versorgung, aber auch Probleme, die bei einem Massenansturm auftreten und die Rolle der Politik. „Ich habe in diesem Buch am Ende meines Berufsweges meine eigenen Wahrnehmungen, mein Erlebtes, somit natürlich auch nur meine subjektive Wahrnehmung festgeschrieben. Der Inhalt erhebt nicht den Anspruch auf unumstößliche Objektivität“, schreibt Schabhüttl, der im Frühjahr 2017 in Pension gegangen ist.
Die meisten Menschen, die in die Europäische Union strömen, seien keine echten Flüchtlinge, die wegen ihrer politischen Anschauung, Religion, Hautfarbe oder aus anderen, in der Genfer Flüchtlingskonvention aufgezählten wichtigen Gründen ihre Heimat verlassen mussten, sondern Auswanderer, die bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen suchen würden. „Die Migranten haben viel Geld an Schlepperbanden bezahlt und dann stellen sich die Versprechungen der Schlepper als Lügen heraus. Viele Migranten können schon deshalb nicht mehr heim, weil sie sich für ihre Flucht verschuldet haben und daheim ihr Gesicht verlieren würden“, betonte Schabhüttl. Deshalb müsse in den Herkunftsländern vermehrt kommuniziert werden, was Flüchtlinge in Österreich erwartet. Diesbezügliche Kampagnen des Innenministeriums gibt es seit einigen Jahren. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 sei nicht mehr zeitgemäß und sollte evaluiert werden.
„NGOs leisten hervorragende Arbeit. Sie sind ein unverzichtbarer Teil der Gesellschaft und vieles würde ohne sie nicht funktionieren“, sagte Schabhüttl. Die Beratung, Betreuung, Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen bringe Geld und deshalb würden einige „monetär eingestellte“ Organisationen versuchen, Geschäfte zu machen. Der Autor nannte in diesem Zusammenhang die Tätigkeit der „Caritas“ und der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Am Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe die „Caritas medienwirksam einen Spendenbus aufgestellt“, kritisiert Schabhüttl. Daraufhin seien viele Nahrungsmittel, Kleider und andere Spenden in die Betreuungsstelle geliefert worden. „Wir haben diese Spenden nicht gebraucht, weil die Versorgung in der Betreuungsstelle funktioniert hat. Wir haben Tonnen an Spenden im Müll entsorgen müssen“, betont der Beamte. „Ärzte ohne Grenzen“ habe sich in die Betreuungsstelle hineindrängen wollen, das sei aber nicht erforderlich gewesen. Die medizinische Versorgung in der Betreuungsstelle sei ausreichend gewesen. Schabhüttl nannte aber auch Organisationen, die ohne Medienrummel geholfen haben, darunter die Migranten-Seelsorge der Erzdiözese Wien, die Initiative „Beamte helfen“ und die von einem Privatmann initiierte „Asylwerber-Akademie“, deren ehrenamtliche Helfer 2.000 Flüchtlingen Deutschunterricht erteilt haben.
Hofrat Schabhüttl wies auch auf die Erfolge Österreichs bei der Eindämmung der Flüchtlingsströme hin: So habe es Österreich geschafft, die Balkanroute zu schließen und Vertreter von Ländern an einen gemeinsamen Tisch zu setzen, die vor einiger Zeit noch Krieg miteinander geführt hätten.
Franz Schabhüttl schildert im Buch seine subjektiven Eindrücke und Erfahrungen und spricht auch Bereiche an, die aus seiner Sicht schief gelaufen sind. Wer in die Flüchtlingsbetreuung eingebunden ist, sollte sich auch mit jenen Problembereichen auseinandersetzen, die während der Flüchtlingskrise nicht zufriedenstellend gelöst wurden. Denn die nächste Flüchtlingswelle kommt bestimmt.

Franz Schabhüttl, Andreas Wetz: Brennpunkt Traiskirchen. Protokoll aus dem Inneren des Asylsystems. Verlag edition a, Wien, 2017.