Kiberer Blues

Mobbing, Gewalt und Schulabstinenz

Wer die Wahl hat... Im Oktober dürfen/müssen wir wieder zur Urne schreiten. Der gelernte Österreicher kann sich auf monatelange Hacklschmeißereien – auch Wahlkampf genannt – und politischen Stillstand einstellen. Dabei gäbe es so viel zu tun!

In der letzten Ausgabe haben wir uns ausführlich mit dem Problemfeld Schule beschäftigt. Conclusio: Jedes Jahr schließen tausende Schüler die Neue Mittelschule ab, ohne auch nur annähernd Fertigkeiten aufzuweisen, die sie im Berufsleben brauchen würden.
Es scheitert schon an Dingen wie sinnerfassendes Lesen und Schreiben. Lehrer beklagen die mangelnde Förderung der Kinder daheim, auch dass den Kleinen keine grundlegenden Dinge wie Pünktlichkeit oder Grüßen beigebracht werden. Migrantenkinder sprechen daheim oft nur die Sprache der Eltern, lernen dadurch nur schlecht Deutsch und verbinden die deutsche Sprache nur mit Schule und Anstrengung.

„Außerordentlich“. Die Hälfte der Pflichtschulkinder in Wien hat eine andere Muttersprache als Deutsch. Die Zahl der „außerordentlichen Schüler“, also Kinder, die der Unterrichtssprache Deutsch noch nicht folgen können, hat sich seit 2010 in Wien verdoppelt. Somit kann beinahe jeder sechste Pflichtschüler zu wenig Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können.
David Krutzler schreibt im „Standard“: „Die aktuelle Zahl außerordentlicher Schüler in Wien ist jedenfalls ein Rekordwert und stellt auch frühere Herausforderungen mit Flüchtlingsbewegungen im Bildungsbereich in den Schatten.“
Schulsozialarbeiter Krutzler hat recherchiert, dass das Bildungsministerium 408 zusätzliche Planstellen für Sprachförderkurse, davon 150 für Wien, geschaffen hat. Für weiterführende Integrationsmaßnahmen gibt es 250 zusätzliche Planstellen, Wien bekommt davon 125 Personen. Wien hatte bisher 27 Schulsozialarbeiter, diese werden um 43 Sozialarbeiter aufgestockt. Die Stadtregierung will ab September 2017 weitere 100 Schulsozialarbeiter beschäftigen, die sich auch den Themen Mobbing, Gewalt und Schulabstinenz widmen.

Gut investiert. Das alles kostet natürlich Geld, ist aber – wenn es die entsprechenden Ergebnisse bringt – bestens investiert. Wir beschäftigen uns in einer Polizei-Fachzeitschrift ja aus gutem Grund mit dem Thema Bildung: Jeder Jugendliche, der keine Chance auf einen Job hat, ist weit gefährdeter, als Beschuldigter bei uns zu landen.
Österreich und speziell Wien, haben in den letzten Jahren einen bedenklichen Weg genommen. Zu jenen Österreichern, die in sozialem Elend und Arbeitslosigkeit stecken, kommen immer mehr Gastarbeiter, die von der – besser ausgebildeten – Konkurrenz aus dem EU-Osten aus dem Job gedrängt werden. Dazu kommen jene ca. 10.000 NMS-„Absolventen“, die jährlich direkt von der Schulbank zum AMS wechseln. Und nicht zu vergessen, jene zigtausenden Flüchtlinge, die laut deutschem BAMF zu 57 % schlecht ausgebildet – darunter befinden sich auch zahlreiche Analphabeten – sind und wenig Chancen auf einen Job haben.
Wie soll Österreich, und ganz spe­ziell wieder Wien, mit diesem rapid steigenden sozialen Problem umgehen? Glaubt tatsächlich noch jemand, dass ein paar AMS-Kurse reichen werden, um diese Menschen in den Arbeitsalltag zu integrieren?

Die Studie. Es gibt immer noch Diskussionen, ob die Höhe der Mindestsicherung bei den Bemühungen um einen Job eine Rolle spielt. Martin Beglinger berichtete in der Neuen Zürcher Zeitung über höchst aufwendige empirische Studien von Ruud Koopmans, einem Professor für Soziologie und Migration an der Humboldt-Universität in Berlin: „Viele Zuwanderer sind anfangs hochmotiviert. Doch die Erfahrung zeigt, dass ein stark ausgebauter Wohlfahrtsstaat ihre Motivation in kürzester Zeit untergräbt. In den USA, wo die sozialen Fangnetze fehlen, passiert das nicht.“ Beglinger schreibt: „In Schweden sei die Abhängigkeit der muslimischen Migranten von der staatlichen Fürsorge extrem hoch – und die Integration in den Arbeitsmarkt gerade deswegen alles andere als erfolgreich. Für den, der arbeiten kann, aber nicht muss, ist die Selbstisolation jederzeit eine valable Option.“

Kein Interesse. Nun, ist das so? Vor einigen Monaten berichtete die „Krone“ über interne AMS-Aufzeichnungen. Demnach würden 70 % aller 16- bis 30-jährigen in den Bereichen Gastro, Handwerk und Technik ihren Ausbildungskurs vorzeitig abbrechen. Lediglich 26 Flüchtlinge arbeiten in den 40 größten börsennotierten Firmen Österreichs. AMS-Mitarbeiter erzählen, dass „viele gar nicht arbeiten wollen“. Auf entsprechenden Namenslisten gibt es Vermerke wie „Kein Interesse“, „nur einen Tag anwesend“ oder „keine Mobilitätsbereitschaft“. Andere würden scheitern, weil sie kein Deutsch sprechen. Der Wiener Sozialbericht sprach schon davon, dass die „Kooperation zwischen AMS und Stadt verbessert werden kann“. Wenn einem Arbeitslosen aufgrund mehrmaliger Verfehlungen ein Teil des Arbeitslosengeldes gesperrt wird, kann er sich einen Teil des Geldes in Form von Mindestsicherung vom Magistrat zurückholen ...

Mindestsicherung. Schauen wir uns die Entwicklung bei der Mindestsicherung in Wien an: Im Jahr 2000 gab es rund 43.000 Mindestsicherungsbezieher. 2009 war die Zahl bereits auf rund 100.000 Personen angestiegen, 2017 sind es 200.000 Menschen. Die Kosten liegen bei rund 650 Millionen Euro. Ca. die Hälfte der Empfänger sind keine Österreicher und ca. 60 % bezieht diese Sozialhilfe länger als 6 Monate.
In den letzten 12 Monaten sind ca. 8.000 Asylwerber nach Wien gezogen, bei Interviews für eine Studie von Peter Hajek gaben 40 Prozent an, wegen der höheren Mindestsicherung nach Wien gekommen zu sein.
Wobei weniger die Kosten ein Problem darstellen, als die Auswirkungen für die Zukunft. Zigtausende Menschen ohne Perspektive für die Zukunft, ohne Chance auf ein „normales“ Leben, sind ein gewaltiger sozialer Sprengstoff. Diese Menschen werden, egal ob sie aus eigenem Unvermögen oder schlechten Startbedingungen gescheitert sind, das Establishment, also auch Sie und mich, verantwortlich machen. Und die Linken werden sie dabei unterstützen, für diese Voraussage braucht man kein großer Prophet zu sein.
Egal wer im Oktober als Sieger aus der Wahl hervorgeht, eine leichte Aufgabe schaut anders aus!

Securitys. Keine leichte Aufgabe wird auch die Polizei in den kommenden Jahren haben. All die oben beschriebenen Entwicklungen lassen darauf schließen, dass die Sicherheitslage in Österreich, und (habe ich das heute schon erwähnt?) ganz speziell in Wien, nicht besser wird.
Ich muss ja immer sehr lachen, wenn diverse Statistiken herangezogen werden, die uns angeblich belegen, dass die Lage ja gar nicht so schlecht ist. Es ist sicher nur Zufall, dass in Zukunft die Parksheriffs nur mehr zu zweit auf Streife gehen, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Bahnhöfen immer mehr Securitys im Einsatz sind, dass es kaum mehr ein Geschäft ohne Überwachungskameras und Warensicherung gibt.
Da muss ich manchmal an Helmut Zilk denken, der sich als Bürgermeis­ter von Wien gegen das Tragen der damals neuen „Nato-Jacken“ in der Innenstadt gewehrt hat. Für ihn sahen die Polizisten dadurch zu militärisch aus, er wollte die Touristen nicht verschrecken. Würde der selige Zilk heute über die Kärntner Straße und den Graben gehen, er würde vor jedem Juwelier glatzköpfige bullige Securitys sehen, teilweise gibt‘s Sicherheitsschleusen am Eingang.
Auch Lokalbesitzer müssen immer größere Beträge ihres Umsatzes in die Türsteher investieren. Der Geschäftsführer eines bekannten Lokals setzt Tschetschenen an der Türe ein, da nur die so „wahnsinnig“ sind, sich ihren Landsleuten in den Weg zu stellen... Ja, ja, die Zeiten sind längst vorbei, als noch die Polizei für Sicherheit sorgen konnte.

Raumverteidigungskonzept. Daran ist auch die Personalsituation (speziell in Wien, falls ich das noch nicht erwähnt habe) schuld. Einerseits gibt es zu wenige Neuaufnahmen, da nur jeder siebente Bewerber die Erfordernisse erfüllt. Und zweitens werden immer noch zu viele Kollegen – nach ihrer aufwendigen Einschulung durch die erfahrenen Wiener Polizisten – in die Bundesländer versetzt. Schwarze Landeshauptleute haben da komischerweise mehr Gewicht, als ein roter Wiener Bürgermeister.
Wobei ich im Grunde meines Herzens die Strategie des Innenministeriums verstehe, analog zur Spannocchi-Doktrin Wien dem Gegner zu überlassen um den leichter zu schützenden Westen von Österreich zu verteidigen (Emil Spannocchi war Armeekommandant unter Bruno Kreisky). Wenn ich mir vorstelle, dass es in Kärnten, Salzburg oder Tirol so ausschauen würde wie am Wiener Praterstern oder am Gürtel ...

SIAK Wien. Wenn die LPD-Wien schon das Ausbildungszentrum für ganz Österreich macht, dann sollte man doch in der Herrengasse darauf reagieren, dass die Polizisten in der Hauptstadt ein anderes Arbeitspensum, ein anderes Klientel und ein anderes Gefährdungspotential zu bewältigen haben. Ob das über die schon diskutierte Großstadtzulage oder über die Bewertungen geschieht, darüber sollte sich der Innenminister Gedanken machen. Wie immer er ab November heißen wird.
Herbert Windwarder

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