Interview

„Manche schaffen es“

Oberst Peter Hofkirchner, der Erste Stellvertreter der Anstaltsleiterin der Justizanstalt Josefstadt, über Radikalisierung, Suizidgefahr, hohe Rückfallquoten und darüber, warum er seinen Beruf trotzdem mag.

Kriminalpolizei: Die Justizanstalt Josefstadt ist bekannt für chronische Überbelegung mit bis zu zehn Insassen in einem Haftraum. Wie sieht die Situation momentan aus und wie ist die Struktur in Bezug auf Alter, Geschlecht und Nationalität?
Oberst Peter Hofkirchner: Derzeit haben wir 1.214 Insassen, davon rund 75 Prozent in U-Haft. 104 der U-Häftlinge sind junge Erwachsene im Alter von 18 bis 21 Jahren, 34 Jugendliche zwischen 14 und 18. Acht bis zehn Prozent der Insassen sind weiblich. Die Häftlinge gehören rund 70 verschiedenen Nationen an. Im Jahr schleusen wir 6.500 Personen durch, das ist eine hohe Fluktuation. Die meisten sind zirka drei Monate hier – je länger man einen Menschen kennt, um so besser weiß man, wie er tickt.
Wegen welcher Delikte sind die Häftlinge hier?
Hofkirchner: Hauptsächlich wegen Suchtgift, Eigentum und Gewalt. Manchmal habe ich über eine Tat in der Zeitung gelesen, dann den Menschen kennengelernt – und mich gewundert, wie es dazu gekommen ist, was da die Auslöser waren, gerade bei Tötungsdelikten. Wobei ich glaube, dass jeder Mensch zu so etwas fähig ist, wenn fünf bis sechs Parameter zusammenkommen.
Wir haben auch eine Population mit Sexualdelinquenz im Haus, z. B. Personen, die Kinder missbraucht haben. Bei denen müssen wir ein besonderes Augenmerk auf die Unterbringung legen und aufpassen, mit wem wir die in einen Haftraum geben, sonst könnte es zu Übergriffen kommen. Wir schauen auch generell auf die „WG-Tauglichkeit“. Bei der Belegung müssen wir auch die Auflagen der fallführenden Behörden einhalten und Komplizen trennen.
Stimmt es, dass man Angehörige bestimmter Nationalitäten besser nicht zusammen unterbringen sollte?
Hofkirchner: So allgemein kann man das nicht sagen. Während der Jugoslawien-Krise hat es ein paarmal Auseinandersetzungen im Spazierhof gegeben. Und nach einem Fight von tschetschenischen mit afghanischen Jugendlichen hat sich das herinnen fortgesetzt, da haben wir das Problem, dass im Jugenddepartement nicht so viel Platz ist.
Als die ersten Schwarzafrikaner in Haft waren, haben wir nicht gewusst, wie wir sie behandeln sollen. Wir sind draufgekommen, dass sie nichts gegessen haben, weil keine Schwarzen die Essensausgabe gemacht haben, dann haben wir Schwarze dafür genommen. Wir geben Schwarzafrikaner auch mit ihresgleichen in einen Haftraum.
Welche Probleme gibt es noch mit Personen unterschiedlicher Nationalitäten?
Hofkirchner: Vor allem Sprachprobleme. Das hat mit der Öffnung der ehemaligen GUS-Staaten begonnen, dann haben wir einen Mitarbeiter aufgenommen, der diese Sprachen spricht und übersetzen kann. Mittlerweile haben wir viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, die die unterschiedlichen Sprachen abdecken – Ungarisch, Slowakisch, Bulgarisch, Rumänisch, Spanisch, Italienisch. Bei der medizinischen Versorgung setzen wir bei Sprachproblemen Videodolmetscher ein.
Bei vielen löst es Verwunderung aus, wie sie hier behandelt werden. Wenn ich z. B. einem Georgier die Hand gebe, versteht der die Welt nicht mehr. Der vermutet eine Finte und glaubt, dass er geschlagen wird, weil er in seiner Heimat im Häfen nicht immer menschenrechtskonform behandelt worden ist. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, dem ich die Hand gegeben habe, mich angegriffen hätte.
Insassen aus den ehemaligen GUS-Staaten bemühen sich nicht um eine Beschäftigung, weil man dort nicht fürs Gefängnis arbeitet, das ist gegen ihre Würde. Einer war hier, der hat in seiner Heimat ein ganzes Gefängnis zum Hungerstreik überredet. Bei uns hat er alle Landsleute dazu gebracht, dass sie keine Substitutionsmittel mehr nehmen, die haben freiwillig einen kalten Entzug gemacht.
Wie schaut es generell mit der Behandlung von Suchtkranken aus?
Hofkirchner: In den 1980er-Jahren ist kalt entzogen worden; jetzt bekommen die Insassen adäquate Substitutionsmittel.
Die Medien berichten immer wieder über Gewalt in Justizanstalten, einerseits zwischen Insassen, andererseits gegen Beamte. Wie kann man solche Vorkommnisse verhindern?
Hofkirchner: Wenn es Übergriffe auf das Personal gegeben hat, waren das in den 1980er-Jahren oft bessere Wirtshausraufereien mit Verletzen auf beiden Seiten. Jetzt haben wir die Einsatzgruppe, die zirka 20 Prozent des uniformierten Personals stellt. Die Beamten haben eine Zusatzausbildung und eine entsprechende Ausrüstung. Vielfach genügt schon deren Auftritt zu fünft mit Helm und Schutzschild – da gibt es ganz wenige, die es dann noch „wissen wollen“. Wenn die Einsatzgruppe einschreitet, kommt es binnen kürzester Zeit zu einer Fixierung, das vermeidet Verletzungen.
Manchmal muss man auch eingreifen, um jemanden vor sich selbst zu schützen, z. B., wenn wer mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand rennt oder sich selbst am Körper beschädigt.
In der Vergangenheit hat es auch negative Schlagzeilen wegen sexueller Übergriffe unter den Insassen gegeben ...
Hofkirchner: 2013 waren wir massiv unter Beschuss wegen der Vergewaltigung eines 14-Jährigen. Wir haben darauf natürlich reagiert, indem wir unser Personal spezifisch sensibilisiert haben – aber wenn sexuelle Übergriffe sogar in Priesterseminaren vorkommen, darf man sich nicht wundern, dass es so etwas in einem Gefängnis gibt.
In der Justizanstalt Josefstadt sind auch Personen untergebracht, die einer terroristischen Handlung verdächtigt werden. Wie geht man mit diesen Insassen um?
Hofkirchner: Die Generaldirektion hat sich an der Verein DERAD gewandt. Wir sollen alle Personen, die einer terroristischen Handlung verdächtig sind oder bei denen es Auffälligkeiten gibt, einem Erstgespräch mit DERAD zuführen.
Welche Auffälligkeiten sind das?
Hofkirchner: Z.B., wenn jemand Mitinsassen unter Druck setzt und für radikale Ansätze wirbt bzw. radikales Gedankengut verbreitet. Dann muss man einschreiten, mit Betreuung reagieren und die Person gemeinsam mit gefestigten Charakteren in einem Haft­raum unterbringen. Aber therapeutische Maßnahmen zur Deradikalisierung greifen nur, wenn der Betroffene auch mittut.
Kann man radikale Moslems an äußeren Zeichen, z. B. an langen Bärten, erkennen?
Hofkirchner: Äußere Anzeichen können, aber müssen nicht sein – lange Bärte sind derzeit trendig und kein typisches Zeichen für Radikalisierung.
Welche Betreuung haben die Insassen abgesehen von DERAD?
Hofkirchner: Wir haben den Sozialen Dienst, Psychiatrie, Psychologie, Ergotherapie und Seelsorger für Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Muslime und, über die Kultusgemeinde, für Juden. Aber am Wochenende sind die nicht im Haus, da müssen die Justizwachebeamten die Betreuung übernehmen, das sind die „nicht akademisch graduierten Betreuer“.
Unsere Mitarbeiter reagieren auf die kleinsten Wahrnehmungen und beurteilen dann, ob z. B. eine medizinische oder eine psychologische Unterstützung notwendig ist. Dann holen sie den Arzt, Psychiater oder Seelsorger, oder sie stellen einen Kontakt zu Angehörigen her.
Das Problem ist, dass es hier viele nicht inlandsverfestigte Menschen gibt, die keine Angehörigen in Österreich haben und deren Angehörige eine Anreise auch nicht finanzieren können. Die haben dann nur telefonisch Kontakt und Briefverkehr, falls sie von der Staatsanwaltschaft freigeschalten sind.
Gibt es Personen, die einen besonders hohen Betreuungsbedarf haben?
Hofkirchner: Das ist sehr unterschiedlich – manche Insassen haben so gut wie keinen Betreuungsbedarf, bei anderen kommt man mit fünf Betreuern nicht aus. Gerade bei den Jungen muss man beim Kapitel Sozialisierung anfangen. Wir haben Kinder da, die ausgebeutet, geschlagen und miss­braucht worden sind, die in Rumänien in der Kanalisation gelebt haben, die nie eine Geborgenheit erfahren haben. Es gibt Biographien, die sogar mit langgedienten Mitarbeitern etwas machen. Wir haben z. B. einen 15-Jährigen hier gehabt, der sich allein vom Irak bis hierher durchgeschlagen hat.
Vor zwei, drei Jahren hat es den Fall einer ehemaligen Sexsklavin gegeben, die ihr erstes Kind mit elf Jahren bekommen hat. Es war unklar, ob sie insgesamt fünf oder acht Kinder zur Welt gebracht hat. In Haft hat sie ein weiteres Kind bekommen, das ihr belassen worden ist; sie ist dann in die Justizanstalt Schwarzau verlegt worden.
Vor drei Jahren hat es in der Justizanstalt Josefstadt einen Suizidfall gegeben. Was wird jetzt zur Suizidprävention getan?
Hofkirchner: Früher hat man sich nur auf die Wahrnehmungen der erfahrenen Mitarbeiter verlassen, jetzt machen wir ein Suizidscreening. Es gibt Parameter, die auf eine erhöhte Suizidalität schließen lassen; die Person wird von Psychologen nach einem Ampelsystem als rot, gelb oder grün eingestuft. Als rot eingestufte Insassen dürfen nicht allein in einem Haftraum sein.
Wir haben auch Listener, die sind vom ehemaligen Leiter der Justizanstalt Innsbruck, Dr. Stefan Fuchs, 1999 in Österreich eingeführt worden. Ein Listener ist eine psychisch gefestigte Personen, die ein Briefing zu den Grundzügen der Suizidprävention erhalten hat und gemeinsam mit einem Suizidgefährdeten im Haftraum untergebracht ist.
Wenn sich jemand selbst verletzt, heißt das aber nicht immer, dass er Suizid begehen möchte. Selbstbeschädigungshandlungen gibt es jetzt viel weniger als in den 1980er- und 90er-Jahren. Damals haben sich Insassen z. B. einen in Kot getränkten Zwirn unter die Haut gezogen oder sich mit einem Tintenblei ins Aug gestochen, das ist bis zum Bauchaufschneiden gegangen, um ausgeführt zu werden. Oft hat es Selbstbeschädigungen gegeben, wenn jemand die falsche oder keine Medikation bekommen hat. Jetzt ist die Form der Behandlung eine andere, die Insassen bekommen unter anderem auch Psychopharmaka.
Wer ist besonders gefährdet, Suizid zu begehen oder sich selbst zu verletzten?
Hofkirchner: Die meisten Suizide ereignen sich innerhalb der ersten 48 Stunden, da muss man adäquate Maßnahmen treffen. Gefährdete Personen kommen in einen weniger spartanisch ausgestatteten Haftraum, in dem es eine Kochplatte, einen Tauchsieder, Bücher und Wandschmuck gibt.
Besonders schlimm ist es für jemanden, der zum ersten Mal in U-Haft ist, das macht etwas mit ihm. Man kann den Zeitpunkt, wann man duschen, telefonieren oder Besuch empfangen möchte, nicht frei wählen. Laut Gesetz ist das eingeschränkte Lebensführung unter Achtung der Menschenwürde. Dabei ist es bei uns viel besser als in anderen Ländern. Ich wollte nicht in den USA arbeiten, wo Häftlinge nur gefesselt aus ihrem Haftraum hinaus dürfen.
Hofrat Karl Schreiner, der frühere Leiter der Justizanstalt Stein, den ich damals als Lehrer in der Justizwacheschule gehabt habe, hat gesagt, es ist wichtig, dass eine Justizanstalt über eine „Sollbruchstelle“ – also die Möglichkeit, bedingt entlassen zu werden – verfügt, auch bei lebenslänglich. Wenn man weiß, man kommt nie mehr raus, dann wird es schwierig. Er hat auch gesagt: „Es ist schon ein Erfolg, wenn ich aus einem Mörder einen Dieb mache.“
Wie kann das gelingen?
Hofkirchner: Man muss bei den Jungen anfangen. Manche Maßnahmen haben nicht die Wirkung, die beabsichtigt ist. Zum Teil wäre es besser, wenn jugendliche Straftäter kurze unbedingte Haftstrafen, z.B. 14 Tage, bekommen würden anstelle der jetzt üblichen Geldstrafen oder bedingten Haftstrafen. Wenn jemand bis zum Alter von 21 Jahren nur solche Strafen bekommen hat, wieder was anstellt und dann die bedingten in unbedingte Haftstrafen umgewandelt werden, dann sitzt er schon einmal drei bis vier Jahre.
Ein wirklicher Erfolg wäre eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, das ist unser Auftrag – aber die Rückfallquote ist noch immer zu hoch.
Fehlen einem da nicht die Erfolgserlebnisse, überlegt man dann nicht, den Beruf zu wechseln?
Hofkirchner: Die ersten fünf bis sechs Jahre habe ich an Berufswechsel gedacht. Da war dieser alte E-Trakt, der nach Schweiß, Rauch und Fäkalien gerochen hat. Aber dann habe ich irgendwie angefangen, den Beruf zu mögen. Jetzt bin ich schon seit 37 Jahren hier.
Meistens gehe ich gern in die Arbeit, der Umgang mit Personal und Insassen ist für mich nach wie vor eine schöne Herausforderung. Bei dem einen oder anderen kann man ja etwas machen, das auf fruchtbaren Boden fällt. Es ist befriedigend, wenn man sieht, dass ein Mensch die Haft ohne Schaden überstanden hat. Manche schaffen es, gründen eine Familie und führen ein ordentliches Leben. Ich bekomme auch immer wieder Post von ehemaligen Insassen, die sich mit netten Worten bedanken.
Es ist wichtig, den Menschen eine Chance zu geben. Ich bin auch für Vollzugslockerungen zuständig und muss das Risiko verantworten, jemanden rausgehen zu lassen. Mit allen, die rausgehen dürfen, rede ich davor persönlich. Manchmal kommt einer nachher zu mir und sagt: „Ich habe Ihnen ja versprochen, dass ich Sie nicht enttäuschen werde.“ Das ist eine anspruchsvolle Arbeit, aber sie macht schon auch Sinn.
Im Jahr 2012 hat Jennifer Steininger eine Diplomarbeit über die Justizanstalt Josefstadt geschrieben, für die sie die Justizwachebeamten unter anderem gefragt hat, ob sie sich wieder für ihren Beruf entscheiden würden – und 86,4 Prozent haben bejaht. Wäre das Ihrer Ansicht nach heute immer noch so?
Hofkirchner: Ich glaube nicht, dass sich da etwas geändert hat; wir haben nach wie vor fast keine Austritte. Insgesamt arbeiten hier über 600 Bediens­tete, davon 440 Uniformierte. Gut ist, dass es in der Josefstadt eine branchenübergreifende Kollegialität gibt.
Im Unterschied zu früher können die Mitarbeiter eine Supervision in Anspruch nehmen. Traumatische Erlebnisse werden nachbearbeitet. Wenn es z. B. einen Suizid durch Strangulation im Nachtdienst gibt, müssen die Mitarbeiter den abhängen und versuchen zu reanimieren. Am nächsten Tag werden sie gefragt, wie es ihnen geht und ob sie das aufarbeiten wollen. Um so etwas hat sich früher keiner gepfiffen.
Wie schaut es mit dem Kontakt zu anderen Behörden aus?
Hofkirchner: Seit der Radikalisierung gibt es Verbindungsdienste zu den Landes- und Bundesämtern für Verfassungsschutz, in der Vergangenheit waren die nicht greifbar. Jetzt versorgt man einander wechselweise mit Informationen, z. B. mit Gefährdungseinschätzungen, die bei Eskorten zur Stärke der Bedeckungen wichtig sind.
Auch der Kontakt zur Polizei hat sich im Laufe der Jahre verbessert. Vor Kurzem war Landespolizeipräsident Dr. Pürstl zu Besuch in der Justizanstalt und hat in Ausübung seines Amtes die Zusammenarbeit mit dem Strafvollzug gewürdigt. Das Verhältnis zu Spezialeinheiten wie WEGA und Cobra ist ebenfalls ein kollegialeres geworden, jetzt begegnen wir einander auf Augenhöhe.
Rosemarie Pexa