Interview

„Ich habe das vorausgesagt..."

Wenn 71 Tote in einem Laster in Parndorf gefunden werden, steht hier die Erde still...

In einem Haus wie jedem anderen in dieser Wohngegend im zweiten Bezirk sitzt das Joint Operational Office (JOO) der Abteilung für Schlepperei. An den Wänden hängen Karten osteuropäischer Länder und riesige Plakate mit Netzwerkgrafiken, auf denen Schlepperbosse, ihre Handynummern und ihre Mittelsmänner kartografiert sind. Hier wird ermittelt, akribisch und international. Das JOO ist Gerald Tatzgerns ganzer Stolz, „sein Baby, wie er es nennt. 50 Fahnderinnen und Fahnder versuchen hier, kriminelle Schlepperbanden auszuforschen, Menschenhandel zu bekämpfen und Opfer als Kronzeugen zu gewinnen.
Tatzgerns Büro existiert erst seit vergangenem Jahr. Aber es ist wohl wichtiger denn je, wie der am 21. Juni in Ungarn gestartete Mordprozess gegen elf Schlepper zeigt. Sie sollen jene 71 Menschen ermordet haben, die in einem Lastwagen in Parndorf aufgefunden wurden. Die Katastrophe veränderte Österreichs Flüchtlingspolitik massiv. Wie wurde das Verbrechen aufgeklärt, was kann Österreich tun, um solche Massenmorde zu verhindern? Gerald Tatzgern schildert die vielen ambivalenten Facetten des Parndorfer Falles.

Kriminalpolizei: Herr Oberst Tatzgern, im Juni wurde in Ungarn der Prozess gegen eine Gruppe von Schleppern eröffnet, die 71 Menschen, darunter auch Kinder und Babies, ermordet haben sollen, als sie sie in einen luftdichten Kastenwagen sperrten. Wie haben Sie den Tag erlebt, an dem diese Katastrophe in Parndorf entdeckt wurde?
Gerald Tatzgern: Ich erinnere mich genau, das war einer der schrecklichs­ten Momente meines Lebens. Zehn Minuten, nachdem der Kühlwagen entdeckt wurde, bin ich angerufen worden, ich war noch im Urlaub. Ein Kollege sagte: ‚Du, es gibt da eine hohe Zahl von Toten in einem Lastwagen, zu 99 Prozent handelt es sich um Schlepperei’. Ich habe sofort Beamte meiner Einheit in das Ermittlungsteam ent­sandt, weil ich wusste, dass das ein internationaler Fall war. Der Fahndungsdruck war enorm. Die besten Ermittler aus ganz Österreich setzten sich in ihre Autos. Dann haben wir jene hochprofessionellen Tatort-Forensiker zusammengezogen, über die wir seit der Tsunamikatastrophe verfügen. Viele Kollegen waren damals in Thailand und haben dort Leichen identifiziert.
Der Fahrer des Lasters wurde innerhalb eines Tages festgenommen. Wie gelang das?
Tatzgern: Das war Kriminaltechnik. Die Menschen erstickten in einem völlig isolierten Kühltransporter, doppelwandig, mit Aluminium und Styropor verkleidet. Es gab darin keinen Handyempfang und keine Sendemöglichkeit von Nachrichten. Das heißt, wir konnten feststellen, wann dieser Lastwagen zum ersten Mal auf österreichischem Boden geöffnet wurde.
Wieso?
Tatzgern: Weil die von den Flüchtlingen im Wagen geschriebenen SMS erst gesendet wurden, als der Wagen geöffnet wurde. Deshalb wussten wir: der Erste, der den LKW geöffnet hat, war ein burgenländischer Autobahnpolizist. Er sah die Leichen, schloss den Laster wieder und rief bei der Dienststelle an. In diesem Moment sind viele SMS aus dem Laster versendet worden.
Als die SMS bei den Empfängern ankamen, waren die Absender also schon tot.
Tatzgern: Ja, es waren sehr dramatische Nachrichten, die sie abschickten: „Es geht mir nicht gut!“, „Ich will hier raus!“, „Ich bin in Panik!“, „Ich wollte dich noch einmal hören!“ Dann können wir auf die Sekunde genau sagen, wann der LKW zum zweiten Mal geöffnet wurde. Denn dann kamen SMS an die Handys der Flüchtlinge zurück. Die Angehörigen aus aller Welt haben die Nachrichten, die beim ersten Öffnen versendet wurden, gelesen und geantwortet, sie dachten ihre Lieben leben noch. Das geht einem schon nahe.
Wie konnten Sie nun den Täter ermitteln?
Tatzgern: Es gab zu der Zeit und an dem Ort, an dem der Lastwagen abgestellt war, Menschen, die Handyempfang hatten, weil sie eben nicht im Kühlraum eingesperrt waren. Wir rechneten bei der Rufnummernrückerfassung die vorbeifahrenden Autofahrer raus, dann blieb eine bulgarische Telefonnummer übrig, die in der Funkzelle des Lasters war. Diese Person hat den Laster offenbar nicht geöffnet, sondern einfach in der Hitze zurückgelassen. Wir wussten: diese Person musste etwas mit dem Fall zu tun haben.
Wie ging es weiter?
Tatzgern: Wir hatten also diese bulgarische Telefonnummer. Mit der Hilfe der Kollegen in Bulgarien haben wir festgestellt, dass sich dieses Telefon in Budapest befindet. Die ungarischen Kollegen haben den Verdächtigen mit seinem Handy lokalisiert, identifiziert und verhaftet. Er hat sofort drei weitere Mittäter genannt und nichts abgestritten, er wusste sofort, dass es um diesen Transport geht. Die drei Mitbeschuldigten konnten wir in den Morgenstunden in Ungarn verhaften. Da ist natürlich ein großer Ermittlungsdruck von uns gefallen. Es ist merkwürdigerweise so: Wenn im Mittelmeer hunderte Menschen ertrinken, wendet der Österreicher relativ wenig Zeit auf, sich damit zu beschäftigen. Er sagt vielleicht, schon wieder ein paar Hundert, das ist ein Wahnsinn, und blättert die Zeitung um. Wenn aber 71 Tote in einem Laster in Parndorf gefunden werden, steht hier die Erde still.
In den ersten Meldungen hieß es, es seien nur etwa 20 Leichen im dem Las­ter. Warum wurde die Zahl zunächst so niedrig angegeben?
Tatzgern: Weil wir das Ausmaß nicht erahnt haben. Der Autobahnpolizist dachte am Anfang, in dem Laster seien tote Hühner. Der LKW hatte ja die Aufdrucke eines slowakischen Geflügelherstellers und er glaubte, der Gestank komme von verwesenden Tieren. Nach dem Öffnen hieß es dann, es seien um die 20 Menschen drin. Natürlich habe ich die Frage gekriegt: Seid ihr bei der Polizei zu deppert zu zählen? Aber der Fall war so dramatisch, das konnte man am Anfang gar nicht ermessen. Die Toten waren in sich verschmolzen, versunken, es war unbeschreiblich.
Stimmt es, dass die gleichen Schlepper am Tag danach wieder Menschen nach Österreich im Kastenwagen geschleppt haben?
Tatzgern: Im Fall von Parndorf gibt es elf Angeklagte. Zwei davon sind am Tag danach mit einem ähnlichen Laster nach Österreich gefahren.
Wie arbeitet so eine Tätergruppe? Ist das eine hierarchisch organisierte Mafia oder sind das lose Bekanntschaften?
Tatzgern: Es gibt immer einen „Checker“, das war auch hier so. Er macht alles, telefoniert herum, hat die Kontakte. Wir würden es „führend tätig in einer kriminellen Vereinigung“ nennen. Es war eine typische Organisation, in dieser Größenordnung von fünf bis 15 Menschen, mit unterschiedlichen Verantwortungen. Sie arbeiten professionell miteinander, sie wussten genau, was sie entscheiden dürfen, und was nicht.
Woher kommen die elf Männer?
Tatzgern: Aus Afghanistan und Bulgarien.
Wie kommen Afghanen in dieses Geschäft? Sind das Flüchtlinge, die für sich dieses Geschäft entdecken?
Tatzgern: Da gibt es viele Möglichkeiten: Der eine hat kein Geld und arbeitet sozusagen seine eigene Schleppung ab. Der andere sieht, wie viel sich damit verdienen lässt und versucht es. Andere sagen, sie wollen nur helfen, und wenn etwas für mich abfällt, ist es auch nicht schlecht. Manche wurden einfach rekrutiert.
Der Fahrer von dem Laster in Parndorf hatte angeblich Schulden bei einem anderen in der Gruppe.
Tatzgern: Es gibt oft den Druck, Geld zu verdienen. Andere Schlepper ziehen sich auf die Position zurück, sie würden den Menschen nur helfen. Sie wollen Fluchthelfer sein, sind es aber nicht. Ein Fluchthelfer macht es aus Überzeugung und will daran nichts verdienen. Schlepper suchen den persönlichen Vorteil.
War eine Katastrophe wie die in Parndorf für Schlepperfahnder vorhersehbar?
Tatzgern: Ich habe das vorhergesehen. Ich habe ein paar Wochen vorher in einem ORF-Interview gesagt: Ich befürchte, dass es bald zu einer Katastrophe kommen wird. Es war nicht mehr die Frage ob, sondern wann es passiert. 2014 haben wir bemerkt, dass Leute zu schleppen anfangen, die keine Ahnung von diesem Geschäft haben. Sie waren noch sorgloser, als die Täter, die wir kannten. Und hatten völlig irrwitzige Ideen.
Inwiefern?
Tatzgern: Früher hatten Fahrer für eine Schleppung von Ungarn nach Österreich zwischen 400 und 600 Euro bekommen. Dem Fahrer war egal, wie viele Menschen er schleppte. Dann kam der Syrienkrieg und die Schlepper dachten: Hey, da kommen so viele, ich verlange nicht 500 oder 700 Euro pro Fahrzeug, sondern pro Person. Und dann kamen eben auf einmal Migranten, die tatsächlich Geld hatten, auch Bargeld. Viele syrische Flüchtlinge gehören einer wohlhabenden Mittelschicht an, manche hatten tausende Euro bei sich.
Der Umstand, dass die Flüchtlinge wohlhabend waren, gefährdete ihr Leben?
Tatzgern: Ja, die ohne Geld hat man ausgeschieden. Und die, die zahlen konnten, wurden mit 20, 40, 50 Anderen in billige und lebensgefährliche Kastenwägen gezwängt. Die Fahrer hatten die Stabilität dieser Fahrzeuge nicht mehr unter Kontrolle, es gab und gibt schwerste Verkehrsunfälle. Die Einweg-Fahrzeuge, wie wir sie nennen, haben teilweise nur 1.000 Euro gekos­tet und sind völlig desolat. Wir haben in Vösendorf neben dem Tierschutzhaus einen Abstellplatz der MA48, da hatten wir auf einmal 160 dieser sichergestellten Fahrzeuge.
Wissen die Geschleppten, wie gefährlich so eine Fahrt ist?
Tatzgern: Ja, natürlich wissen sie es, wenn sie solche Laster sehen und die Menschenmasse, die hineinge­pfercht werden soll. Viele wollten die Fahrt erst gar nicht antreten, obwohl sie schon im Voraus bezahlt haben. Doch sie wurden in die Wägen hineingeprügelt, weil die Fahrer ihren Anteil am Geld von Mittelsmännern erst bekommen, wenn die Flüchtlinge abgeliefert werden. Das Bezahlen im Voraus über einen Mittelsmann ist für viele Flüchtlinge ein Todesurteil, weil die Schlepper ihre Fahrt erzwingen wollen. Wahrscheinlich ist es auch in diesem Fall zu Gewaltanwendungen durch die Schlepper gekommen, damit die Leute in die Laster steigen.
Haben die Flüchtlinge im Lastwagen um ihr Leben gekämpft? Was weiß man über die letzten Minuten?
Tatzgern: Die Flüchtlinge standen in dem Wagen auf einer Fläche so groß wie eine Fußmatte. Fünf Personen teilten sich einen Quadratmeter. Sie konnten sich nirgendwo anhalten, sie sind vielleicht hin und her gefallen, manche saßen am Boden. Nicht alle waren sommerlich bekleidet, die Leute hatten ihr ganzes Hab und Gut mit, sie trugen Jacken, viele hatten nicht den Platz, sich auszuziehen. Es war zudem stockfinster und sehr, sehr heiß, etwa 60 Grad. Und da der Kühlwagen komplett abgedichtet war, wurde nach etwa einer Stunde der Sauerstoff knapp. Es gibt keine Kampfspuren, keine Zeichen auf Widerstand. Die Leute wurden vermutlich bewusstlos, schliefen ein und sackten tot zusammen. Der Erstickungstod ist ähnlich wie ein Erfrierungstod. Man dämmert hinüber.
Warum wurde der Wagen so brutal verschlossen? Wieso gewährt man den Flüchtlingen keinen Notausgang?
Tatzgern: Wir wissen aus anderen Fällen, dass es in den Lastwägen immer wieder zu Panikreaktionen kommt. Flüchtlinge klopfen und treten gegen die Außenwand, um raus zu kommen. Deshalb haben manche Schlepper begonnen, die Fahrzeuge innen mit Holz zu verkleiden, damit sie das Klopfen nicht hören. Manche haben eigene Schließmechanismen mit Vorhängeschlössern eingebaut, damit die Flüchtlinge die Türen nicht auftreten können. Die Schlepper wissen: Wenn ihnen die Flüchtlinge abhanden kommen, verlieren sie ihre Erfolgsprämien.
Der Ermittlungsakt der ungarischen Behörden soll Abschriften einer Telefonüberwachung beinhalten. Von Telefonaten im Zusammenhang mit dieser Schleppung. Hätte die Schleppung verhindert werden können?
Tatzgern: Wir haben bis vor wenigen Tagen nicht gewusst, dass es Überwachungsmaßnahmen seitens der Ungarn gegeben hat, dass diese Gesprächsaufzeichnungen überhaupt exis­tieren. Ich denke aber nicht, dass die Schleppung hätte verhindert werden können, weil die Verdächtigen am Telefon sehr kryptisch sprechen und über Zeit und Ort einer Schleppung, wenn überhaupt, nur sehr vage Andeutungen machen.
Zwei Wochen nach dem Fall von Parndorf öffneten sich die Grenzen. Die, die davor mit dem Lastwagen kamen, kamen nun mit dem ÖBB-Wiesel nach Wien. War das für einen Schlepperfahnder eine Erleichterung oder ein Schock?
Tatzgern: Glauben Sie, danach hat kein Schlepper mehr verdient? Da gab es viele österreichische Taxifahrer, die plötzlich statt 200 Euro für die Fahrt von Nickelsdorf nach Wien 200 Euro pro Person verlangten. Das war beinharte Schlepperei.
Halten Sie es rückblickend für richtig, dass Österreich diesen Menschen die Tore geöffnet hat?
Tatzgern: Selbstverständlich, in dieser Situation war das richtig. Erlauben Sie mir den vielleicht unpassenden Vergleich: Ein Hochwasser kann ich nicht aufhalten, das kann ich nur lenken. Wenn ich so einen Strom an Migranten habe, kann ich ihn nur lenken. Ich möchte in keinem Staat als Polizist arbeiten, wo ich vor einem Grenzzaun mit Wasserwerfern auf Kinder schießen muss. Ob man rechtzeitig europaweit das richtige gemacht hat, stelle ich aber in Frage.
Haben der Türkei-Deal und das Schließen der Balkanroute gewirkt?
Tatzgern: Die Route ist nicht geschlossen, der Zustrom wurde allerdings gebremst. Die Schlepper haben große Teile des Geschäfts verloren, aber das Sterben geht weiter. Vor drei Tagen wurden zehn Tote und 17 Schwerverletzte. in einem Kastenwagen an der rumänisch-ungarischen Grenze gefunden. Ihr Ziel war Österreich und Deutschland. Der Fahrer war ein 16-jähriger Bulgare, der am Steuer einschlief. Vor zweieinhalb Wochen haben wir 111 Personen in einem Lastwagen entdeckt. Das schwillt alles wieder an.
Über welche Routen kommen Flüchtlinge jetzt nach Europa?
Tatzgern: Es ändert sich fast wöchentlich, aber aktuell würde ich sagen: 30 Prozent über die Balkanroute, 70 Prozent über das Mittelmeer. Der Zustrom übers Mittelmeer ist sehr stark, das sind so gut wie keine Syrer oder Afghanen, sondern sehr viele Afrikaner.
Was würden Sie einem Menschen raten, der vor dem Krieg in Syrien, Irak oder aus Afghanistan flüchten will und nach Europa möchte?
Tatzgern: Was soll ich einem Kind in Ghana sagen, das kein Süßwasser mehr hat?
Ich würde ehrlich sein und sagen: die Chance ist hoch, dass du hier trotz der gefährlichen Reise abgelehnt wirst, und wieder zurück musst. Ich kann nur sagen: Schau, dass du in deiner Heimat das Bestmögliche machst, damit das Land besser wird.
Vergangenes Jahr haben wir 90.000 Flüchtlinge aufgenommen, Deutschland über eine Million. Man hat nicht das Gefühl, dass das Land im Chaos versinkt, dafür wurde vielen geholfen.
Tatzgern: Die Migrationswelle hat Österreich verändert, man kann das nicht wegreden. Mich hat gerade eine Bekannte angerufen, die schon wieder angegriffen wurde, von einem Menschen, der vor 2015 nicht in Österreich war. All diese Zwischenfälle haben das Denken verändert und den Zugang der Bevölkerung zu Migration. Es kamen zu viele in zu kurzer Zeit.
Interview: Florian Klenk