Gewaltprävention

Wenn Vorurteile zu Gewalt motivieren

Vorurteilsmotivierte Gewalt richtet sich nicht nur gegen einzelne Menschen, sondern gegen ganze Bevölkerungsgruppen. Daher sind konventionelle Herangehensweisen nur bedingt anwendbar. Christina Gabriel, Kriminalistin des LKA Wien, erstellte ein Präventionskonzept.

Das Thema Vorurteile begleitet Christina Gabriel schon sehr lange. Der unmittelbare Anlass, sich auch beruflich dem Thema zu widmen, liegt allerdings noch nicht so weit zurück. „Ich hörte damals in den Medien, dass ein männlicher Täter in einem Lokal für schwule, lesbische, bisexuelle und transgender Personen fünfzig Menschen erschossen hatte,“ erklärt Christina Gabriel ihren ganz persönlichen Zugang, ein Präventionskonzept zu vorurteilsmotivierter Kriminalität zu verfassen. Obwohl der Tatort Orlando im Juni 2016 außerhalb von Österreich lag, war ihr klar, dass Handlungsbedarf auch in Österreich besteht. Sie erfuhr sowohl aus dem privaten Umfeld, als auch aufgrund ihrer beruflichen Aktivitäten von einschlägigen Vorfällen. So sind beispielsweise schwule Freunde von ihr, die händ­chenhaltend am Heimweg waren, von mehreren jungen Männern bedroht und beschimpft worden, dass „so was wie die verbrannt gehören“.
Offizielle Zahlen zu Gewaltdelikten aufgrund von Vorurteilen beispielsweise gegenüber behinderten Menschen, jenen mit anderer sexueller Orientierung oder alten Menschen gibt es in Österreich noch nicht – dennoch decken sich Vermutungen, dass es einen deutlich ansteigenden Trend gibt. „Andere Länder, wie beispielsweise Niederlande, Finnland und Großbritannien haben zu diesem Thema wesentlich mehr Informationen als Grundlage für Maßnahmen,“ sagt Christina Gabriel. Sie kennt den Polizeibetrieb aus eigener Tätigkeit seit rund 25 Jahren. Beginnend als uniformierte Beamtin wechselte sie im Jahr 2006 ins Landeskriminalamt, wo sie seit rund vier Jahren in der Sucht- und Gewaltprävention vorwiegend mit Jugendlichen arbeitet.

Vorurteil und Hass. Der Begriff vorurteilsmotivierte Gewalt leitet sich aus den aktuell sehr breiten Diskussionen zur Hasskriminalität ab, einer Übersetzung der englischen ‚hate crimes‘. Diese Delikte bestehen laut OSZE immer aus zwei Ebenen: einerseits einem strafrechtlich relevanten Delikt und andererseits dem Tatmotiv ‚Vorurteil‘ gegenüber einem – geschützten – Merkmal. Christina Gab­riel hat sich bewusst für die Auseinandersetzung mit vorurteilsmotivierter Gewalt anstatt mit Hasskriminalität entschieden, weil „viele Delikte hassmotiviert sind – auch ohne Bezug zu einem Vorurteil.“ Zusätzlich meint sie: „Ein Vorurteil muss nicht notwendigerweise zu Hass führen, daher kann Prävention hier deutlich früher greifen.“
Das aktuelle Projekt ist bereits in der Konzeptionsphase gut verzahnt mit dem mehrjährig bestehenden Vielfaltsmanagement der Polizei, das mittlerweile im Innenministerium als Strukturprogramm verankert ist. Vielfaltsmanagement geht davon aus, dass alle Menschen, egal welcher Ethnie, Weltanschauung oder Geschlecht, Teil der Gesellschaft und als solches entsprechend wertzuschätzen und zu fördern sind.
Christina Gabriel ist aktiv in der Arbeitsgruppe zur sexuellen Orientierung verankert, die sich bundesweit diesem Teilaspekt von Vielfalt in der Polizeiarbeit widmet. Ziel des bestehenden Programms ist es unter anderem, beispielsweise Menschen mit Behinderungen, Lesben, Schwule oder Transgender polizeiintern sichtbar zu machen. Das kann jemand sein, der mit seinem Gehör Probleme hat, aber auch jemand, der oder die sich in der Kollegenschaft zu einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung bekennt.
Vor allem in einem männerdominierten Beruf ist ein Outing diesbezüglich nicht selbstverständlich – zu stark prägen die Berufskultur noch Werte wie Härte oder idealisierter Perfektionismus als Freund und Helfer. Christina Gabriel spricht aus eigener Erfahrung: „Heute gehe ich sehr offensiv – auch als Vorbild – damit um, dass ich eine Lesbe bin.“ Das war durchaus nicht immer so: Eigene Ängs­te vor Karriereeinbrüchen, persönlichen Attacken oder Witzeleien, aber auch gutmeinende Ratschläge von außen, vor allem am Beginn der sexuellen Neuorientierung vor rund zehn Jahren, lieferten auch viele Argumente gegen ein öffentliches Bekenntnis. In ihrer derzeitigen Position ist allerdings die offen dargestellte Zugehörigkeit zu einer Randgruppe sowohl für sie selbst als auch für ihren Dienstgeber ein deutlicher Bonus.

Vom Vorurteil zur Vielfalt. Christina Gabriel ist nicht nur in offiziellen Dienstfunktionen als Anlaufstelle ansprechbar, sondern aufgrund ihrer Vorstandsfunktion bei den GayCops Austria im Rahmen eines privaten Vereins. Ihr ist es wichtig, sowohl in der polizeilichen Kollegenschaft als auch in der Öffentlichkeit mehr Transparenz und Offenheit gegenüber dem Thema gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als ein Teil von Vielfalt zu erzeugen – eine persönliche Ambition, die sich gut mit den Zielsetzungen des Innenministe­riums und der Polizei deckt. So will man durch eine bessere Sichtbarkeit von Minderheiten innerhalb der Polizei – die einen Spiegel der gesamten Gesellschaft darstellen – allgemein besser an unterschiedliche Personengruppen mit bestimmten Merkmalen herantreten und diese bedarfsorientierter unterstützen. Gelingt ein besserer Zugang zu Betroffenen, ist sowohl präventiv als auch exekutiv effizienteres Arbeiten möglich.
Die Ansatzbereiche von Christina Gabriel haben folgende Schwerpunkte:
• Angehörigen von Gruppen mit bestimmten Merkmalen soll bewusst gemacht werden, dass die Polizei eine Anlaufstelle ist, deren gesetzesmäßig definiertes Aufgabenfeld Gewaltdelikte aufgrund eines spezifischen Merkmals umfasst – egal ob es sich um Körperverletzung, gefährliche Drohungen oder Beleidigungen handelt. Wichtig in dem Zusammenhang ist eine möglichst umfassende spezifische Aufklärung, wann hier welche polizeiliche Handlung möglich oder gar vorgeschrieben ist – eine Frage, die auch für Fachjuristen nicht immer einfach zu beantworten ist.
• Eine Sensibilisierung für das Thema soll sowohl innerhalb der Polizei als auch in der Öffentlichkeit verdeutlichen, dass sich diese Delikte nicht nur an das Opfer, sondern eine ganze Gruppe richten, was sonst bei keinem anderen Delikt vorliegt. So soll nicht nur einem einzelnen Menschen vermittelt werden, weniger wert zu sein als andere, sondern einer ganzen Gruppe. Zusätzlich werden jene, die aufgrund dieser Zugehörigkeit bereits einmal Gewaltopfer wurden, verstärkt verunsichert, weil sie oft keine unmittelbare Möglichkeit haben, das Merkmal zu verändern, einer Randgruppe zuzugehören. Sie haben damit beinahe zwangsläufig auch in der Zukunft ein höheres Risiko zu tragen, erneut mit diesbezüglicher Gewalt konfrontiert zu werden.
• Eine bewusste und gezielte Offenlegung des ‚anders seins‘, stärkt das Selbstbewusstsein einzelner Personen, aber auch der betroffenen Minderheiten. Dadurch wird der Grundstein dafür gelegt, dass Stigmatisierung auf breiterer Ebene hinterfragt wird. Sowohl mehr Transparenz hinsichtlich objektiver Gefährdungspotenziale als auch ein offener Widerstand gegen wahrgenommene ungerechtfertigte Behandlung kann sogar zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen. Gerade das Beispiel der sexuellen Orientierung hat in den letzten Jahrzehnten deutlich gezeigt, dass die Wandlung der grundlegenden – nicht nur juristischen – Beurteilung eines gleichbleibenden Sachverhalts in verhältnismäßig kurzer Zeit möglich ist.
Die eigene Motivation, sich nach und nach ihren Vorgesetzten und ihrer Kollegenschaft hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung zu öffnen, begründet Christina Gabriel wie folgt: „Das Verstellen kostet unglaublich viel Energie.“ Sie ist ein Typ, der gern am Montag auch in ihrem beruflichen Umfeld davon erzählt, was sie am Wochenende gemacht hat. Wenn diese Gespräche dann vermehrt mit Überlegungen gekoppelt sind, was sie nun sagen darf und wo sie möglicherweise sogar lügen müsste um einem eventuellen Verdacht entgegenzuwirken, ist das sehr anstrengend. „Können wichtige Teile der Persönlichkeit im Beruf nicht offenbart werden – wenn sie eigentlich Privatsphäre sind – führt das zwangsläufig zu Ausgrenzung und unkommentierten Vermutungen“, führt Christina Gabriel weiter aus. Insofern dient die Polizei an sich als Vorbild, indem sie ein Umfeld schafft, wo diese persönlichen Entwicklungsschritte auch durch die Organisation qualifizierte und strukturelle Förderung erfahren und so das volle Potenzial der MitarbeiterInnen zur Entfaltung kommen kann. Dies bedeutet letztlich einen deutlichen Mehrwert für die gesamte Bevölkerung – eine klassische Win-Win-Situation.

Offenheit trotz Vorurteil. Christina Gabriel ist heute froh, vor Jahren die Entscheidung getroffen zu haben, sich zu outen: „Es war unglaublich erleichternd und befreiend, sich anvertrauen zu können.“ Sie hatte dabei den Vorteil, dass sie schnell ein offenes Ohr fand. Daher möchte sie sowohl dazu motivieren, ein persönliches Coming out zumindest ernsthaft zu überlegen. Aber auch ein gezieltes Rückfragen und offene Türen der Umwelt sind ihr sehr wichtig: „Überwinden Menschen ihre Ängste, sich zu öffnen, sollten sie möglichst nicht auf abweisende oder entwürdigende, sondern ermutigende und klärende Reaktionen stoßen.“
Je offener eine Gesellschaft gegen­über Anderem, Unbekanntem oder aus der Norm Fallendem, umso weniger Vorurteile und Stereotype entstehen – wohl augenscheinlich die beste Prävention bei vorurteilsmotivierter Gewalt. Werden Menschen trotz bestimmter, sichtbarer und nicht alltäglicher Merkmale so akzeptiert, wie sie sind, sinkt jedenfalls die Gefahr, Affekthandlungen oder auch langgeplante Hass­attacken auf marginalisierte Gruppen zu provozieren. Mit speziell auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmten sicherheits- und verhaltensorientierten Vorträgen und Beratungen möchte Christina Gabriel das Vertrauen von Angehörigen marginalisierter Gruppen in die Polizei stärken und einen Beitrag zur Prävention von vorurteilsmotivierter Kriminalität leisten.
Elvira Hauska


Web-Tipp: www.gaycopsaustria.at
Weiterführende Literatur: OSZE-Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (BDIMR), 2011: „Gesetze gegen Hate Crime. Ein praktischer Leitfaden“; https://goo.gl/aLCTHm
FRA – Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, 2012, „Hasskriminalität in der Europäischen Union sichtbar machen, die Rechte der Opfer anerkennen“; https://goo.gl/sn6Iuu