Hawala

Fliegendes Geld

Geldtransfers, ohne dass Geld physisch über Distanzen bewegt wird, Vertrauen und Ausnützen von Verbindungen – das sind die Eckpfeiler des Hawala-„Bankings“, einem informellen Transaktionssystem, das sich auch in Österreich immer größerer Beliebtheit erfreut – zumindest im Verborgenen.

Einen Bargeldbestand, ein Notizbuch und ein Mobiltelefon – mehr braucht man nicht für das sogenannte Hawala-Banking. Gemäß Definition der Interpol wird der Begriff Hawala häufig als „Transfer von Geldern ohne aktuelle Geldbewegung“ bezeichnet – eine einfache Definition, die doch etwas zu kurz greift. Es basiert auf folgendem, vereinfachtem Grundprinzip:
A schuldet B einen bestimmten Geldbetrag. B wiederum schuldet C Geld. Nun überträgt B seine Forderungen gegen A an C, um seine Schulden bei ihm zu tilgen. Dadurch scheidet B aus der Kette aus, C wird neuer Gläubiger des A.
„Auf diesem Prinzip der Schuldüberweisung basierend und die Tatsache ausnutzend, dass eine solche Schuldübertragung auch erfolgen konnte, wenn die Akteure sich an unterschiedlichen Standorten aufhielten, entwickelte sich im Laufe der Zeit ein komplexes Vertragsgeflecht für den grenzüberschreitenden Transfer von Geldern“, erklärt Kontrollinspektor Thomas Druck, B.A. vom Bundeskriminalamt (Abteilung II/BK 7.1 – SOKO Hypo). „Im Hawala-Finanzsystem kommt es zur eigentlichen Abwicklung von Geldtransfers nur im Netzwerk der Hawaladare, den Anbietern von Hawala, also zwischen den einzelnen Mitgliedern und nicht zwischen deren eigentlichen Kunden. Basis für die Geldtransfers ist die Kommunikation zwischen den einzelnen beteiligten Hawaladaren im jeweiligen Netzwerk, die wiederum auf Verbindungen beruhen, die für die Teilnehmer am Hawala-Netzwerk von enormer Bedeutung sind.“ Somit handelt es sich bei Hawala um ein informelles Transaktions- und nicht um ein Bezahlsystem im eigentlichen Sinne.
Entscheidende Komponenten für das Funktionieren des Hawala-Grundprinzips sind:
• Mehr als drei beteiligte Personen;
• Geldtransfers, ohne dass das Geld aktuell unmittelbar bewegt wird – basierend auf Kommunikation;
• und nahezu keine bzw. nur minimale Aufzeichnungen über die Transaktion selbst.
„Viele Hawaladare bieten diese Dienstleistung oft bewusst neben einem legalen, offiziell angemeldeten Geschäft an, z.B. einem Einzelhandelsgeschäft, einem Import-Exportunternehmen oder einer religiösen oder sozialen Einrichtung“, sagt Druck. „Hawala-Transaktionen könnten jedoch auch von einem Café oder einer Parkbank aus abgewickelt werden.“
Das Prinzip ist denkbar einfach: „Ein Auftraggeber teilt einem Hawaladar als Auftragnehmer drei Faktoren mit: den gewünschten Auszahlungsbetrag, den Auszahlungsort und den Auszahlungszeitpunkt“, erklärt Druck. „Nicht erforderlich für die Durchführung der Transaktion ist die Nennung von weiteren Daten, wie Namen oder Adressen. Der Auftraggeber übergibt dem Hawaladar den Auszahlungsbetrag. Der wiederum teilt im genannten Auftragsort dem Auftraggeber einen bestimmten Code mit, der beliebig gewählt sein kann – z. B. eine Zahlenkombination, ein Koranvers oder ähnliches. Möglich ist auch eine Banknotenseriennummer.“ Das Ausfüllen von Formularen oder anderen schriftlichen Unterlagen ist nicht nötig. „Der Hawaladar im Auftragsort nimmt nun per Fax, Telefon oder E-Mail Kontakt zum korrespondierenden Hawaladar im Empfängerland auf und teilt ihm lediglich den vereinbarten Code und den Auszahlungsbetrag mit. Mit der Übermittlung dieser zwei Faktoren ist für den Hawaladar im Auftragsort die Transaktion abgeschlossen; eventuell vorhandene Aufzeichnungen über die Transaktion könnten vernichtet werden. Er wird jedoch zumindest den eingezahlten Betrag schriftlich festhalten, um einen Abgleich der Ein- und Auszahlungen durchzuführen und um seine Guthaben bzw. Verbindlichkeiten bei seinem korrespondierenden Hawaladar feststellen zu können.“
Auch der Auftraggeber im Auftragsort nimmt nun ebenfalls und unabhängig vom Hawaladar Kontakt mit dem Geldempfänger im Empfängerland auf und übermittelt ihm den entsprechenden Code, mit dem später die Auszahlung des Transaktionsbetrages erfolgen soll. „In manchen Fällen enthält dieser Code bereits verschlüsselte Informationen, die auf den zuständigen Hawaladar im Empfängerland hinweisen, sodass eine gesonderte Mitteilung der Kontaktdaten des dortigen Hawaladars entfällt.
Der Geldempfänger wird nun nach Mitteilung des Codes an den zuständigen Hawaladar im Empfängerort das Geld – zumeist in Landeswährung – vom Hawaladar in Empfang nehmen können.“ Ein Identitätsnachweis des Geldempfängers erfolgt nicht.

Verdienst von Hawaladaren. Nun hat ein Hawaladar im Empfängerort eine offene Forderung gegen den Hawaladar im Auftragsort, da er ja den vereinbarten Betrag an den Geldempfänger ausgezahlt hat. Das Hawala-Netzwerk sieht zwei Möglichkeiten vor, wie die jeweiligen Hawaladare ihre offenen Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander ausgleichen können.
„Laut gängiger Literatur verzichten die kor­res­pondierenden Hawaladare zumeist auf den Ausgleich kurzfristig bestehender Ungleichgewichte bei den Zahlungsein- und -ausgängen und vertrauen darauf, dass sich mittel- bis langfristig ihre jeweiligen Ein- und Auszahlungen ausgleichen“, erklärt Druck. „Dieses Prinzip des automatischen Ausgleichs wird auch das „Sys­tem der zwei Töpfe“ genannt. Es kommt jedoch nur dann zum Tragen, wenn die korrespondierenden Hawaladare in regelmäßiger Geschäftsbeziehung stehen und sich das Verhältnis zwischen Ein- und Auszahlungen im jeweiligen Land ungefähr die Waage hält. „Das kann jedoch in den meisten westlichen Ländern, in denen Migranten leben, die ihre zurückgelassenen Familienmitglieder in den jeweiligen Heimatländern – meist Entwicklungs- oder Schwellenländer – mit regelmäßigen Zahlungen unterstützen, nicht der Fall sein“, erläutert der Experte. „Denn naheliegenderweise wird in diesen Heimatländern fast nur ausgezahlt, weshalb sich ein Ausgleich der Salden nicht von selbst einstellen wird. In diesen Fällen wird ein sogenanntes Clearingverfahren oder aber ein ‘Netting‘ von Forderungen angewendet.“ Ungleichheiten auf einer Seite können ausgeglichen werden durch Schecks, elektronische Überweisungen, physische Bargeldübergaben, Inhaberwertpapiere oder Geldanweisungen. Möglich ist auch die Über- und Unterfakturierung im Rahmen von Import- oder Exporttransaktionen. Beim Importgeschäft wird vom ausländischen Anbieter überfakturiert und daher kann anschließend die Differenz zum tatsächlichen Rechnungsbetrag im jeweiligen ausländischen Land einbezahlt werden. Im Exportgeschäft wird unterfakturiert und der Debitor schreibt den Differenzbetrag gut. Wenn Dienstleistungskosten verrechnet werden, wird dieser Modus Operandi noch weniger nachvollziehbar als z.B. bei Warengeschäften. So gibt es beispielsweise einen Ausgleich über den Handel mit legalen oder illegalen Waren. Dieser kann von Gold und Edelsteinen bis zu medizinischen Geräten und Textilien reichen; auch über Dienstleistungen z. B. von Reisebüros und Imbissstuben, wäre ein Ausgleich möglich.

Das Hawala-System. Die wichtigsten und grundlegendsten Komponenten des Hawala-Systems und gleichzeitig der größte Unterschied gegenüber anderen, formalen Finanztransaktionssystemen sind das Vertrauen und das intensive Ausnützen von vorhandenen Verbindungen, wie z.B. familiäre, ethnische oder regionale Zugehörigkeiten. „Das Vertrauen basiert auf der im Mittelalter so gehandhabten arbeitsteiligen Kooperation zwischen den damaligen Großhändlern“, erklärt Druck. „Sie verfolgten das Prinzip, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen. Dieser Kaufmannstyp war aufgrund der Bandbreite seiner Aufgaben auf die Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit seiner Partner angewiesen. Die Beziehungen waren eng geknüpft und basierten auf Vertrauen. Das kooperative Verhalten der Kaufleute half ihnen, Transaktionskosten zu minimieren, das Risiko zu streuen und neue Märkte zu erschließen und ist insofern vergleichbar mit dem modernen Netzwerkgedanken.“ Doch warum ist Vertrauen im Hawala-System so wichtig? Es basiert dabei auf religiösen, ethnischen sowie sprachlichen Gemeinsamkeiten und wird verkörpert durch die jeweilige Gemeinschaft. „Erst dadurch funktioniert einerseits das Hawala-System, bildet andererseits aber auch ein nach außen hin nahezu ab- und in sich geschlossenes System“, sagt Druck. „Das bedeutet für potentielle Teilnehmer, die diese Gemeinsamkeiten nicht aufweisen, dass ihnen der Zugang zu diesen Systemen verschlossen bliebe und deshalb keine systemübergreifenden Transaktionen möglich wären. Deshalb existieren zusätzlich zum arabischen Hawala-System weitere Netzwerke in Süd-, Ost- und Zentralasien – mit weltweiten Kontaktpunkten und ähnlichen Systemen zum Geldtransfer.“

Geschichte. Die Entstehung des Hawala-Finanzsystems geht auf die frühmittelalterliche Handelsgesellschaft des Vorderen und Mittleren Orients zurück. Hawala existierte somit lange vor westlichen Bankensystemen. Zuerst wurde es von den Chinesen praktiziert und hieß ursprünglich fei qian, was in etwa „fliegendes Geld“ bedeutet. Es wurde in der zweiten Hälfte der T’ang Dynastie, 618 bis 907 nach Christus, als Reaktion auf den wachsenden Warenhandel in China entwickelt. Während der T’ang Dynas­tie entstand durch den Warenhandel ein wachsender Bedarf an Metallwährungen. Dank der Vertrautheit mit dem Kreditsystem waren die Chinesen jedoch bereit, stattdessen Depositenscheine zu akzeptieren und muss­ten so auf langen Handelsreisen kein Geld mehr mitführen. Diese Depositenscheine gelten als die Urform des heutigen Papiergeldes. Es war also nicht mehr notwendig, das Bargeld persönlich mitzuführen. Dieses ursprünglich südostasiatische System diente als Modell für das südasiatische Hawala-System und verbreitete sich in ganz Asien. In weiterer Folge wurde es in der arabischen Welt an die speziellen religiösen Bedürfnisse des Islam angepasst und für dessen kulturelle Gegebenheiten adaptiert.

Vorteile aus Verwendersicht. Unter mehreren, sogenannten „informellen Transaktionssystemen“ ist Hawala nun das gebräuchlichste und das weltweit am meisten verbreitete System. „Es hat herausragende Bedeutung speziell für Entwicklungs- und Krisenländer und deren Migranten sowie deren in den Heimatländern zurückgelassenen Familien“, sagt Druck. „Von ihnen wird es überwiegend für Rücküberweisungen in die Heimatländer verwendet, da es gerade in diesen Entwicklungs- und Krisenländern oftmals, infolge eines dort häufig fehlenden oder nicht zuverlässig funktionierenden Banken- und Finanzwesen, die einzige Möglichkeit darstellt, Gelder gleichzeitig rasch, sicher, zuverlässig, kos­tengünstig, anonym, über große Entfernungen, international (interkontinental) und auch in entlegenste Gebiete ohne entsprechende Infrastruktur und Anbindung an den internationalen Zahlungsverkehr zu transferieren.“ Zudem ist die Nutzung des Hawala-Systems, sowohl für seine Kunden als auch für die anbietenden Hawaladare bequem und unbürokratisch. „So sind diese Transfers zum Beispiel die einzige Möglichkeit, Gelder von den USA in viele Länder Afrikas inklusive Somalia zu senden. Daher nutzen auch verschiedenste EU-Hilfsgruppen ausschließlich informelle Transaktionsnetzwerke, um Hilfsgelder in verschiedene afrikanische und asiatische Länder zu transferieren.“

Nachteile. „Das Hawala-System existiert allerdings nur latent, d. h. es tritt in den meisten westlichen Staaten, die häufig als Senderländer fungieren, abseits oder parallel neben dem staatlich regulierten, formellen Banken- und Finanzsektor auf“, sagt Druck. „Dazu ist es, zumindest im Westen, oft illegal und somit jeglicher staatlichen Kontrolle und Regulierung durch Nationalbanken und Finanzmarktaufsichtsbehörden entzogen. Es unterliegt daher keinerlei statistischen Erfassung. Dadurch ist es für nationale Gesetzgebungen nicht einfach, entsprechend darauf zu reagieren und regulierend einzugreifen oder entsprechende Normen zu erlassen. Dadurch sind in weiterer Folge den Strafverfolgungsbehörden wie Staatsanwaltschaft und Polizei, aber auch den Finanzaufsichtsbehörden, aufgrund eindeutiger gesetzlicher Regelungen oftmals die Hände gebunden. Daraus resultierend ist der Missbrauch des Hawala-Systems für kriminelle Zwecke wie Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder die Terrorismusfinanzierung in weiterer Folge dem Zugriff der Rechtsprechung durch die Gerichtsbarkeit entzogen; nur äußerst selten kommt es zu diesbezüglichen Anklagen und Verurteilungen.“
In Deutschland gibt es, nach einer Konzessionierung, mittlerweile über 40 legale Anbieter. Ihnen dürften jedoch bis zu 2000 illegale Hawaladare gegenüberstehen. Österreich hat bei der Legalisierung noch nicht nachgezogen.

Weltweite Verbreitung. Verbreitet ist das Hawala-System heutzutage vor allem in Afrika, Asien und im mittleren Osten. Im Umfeld von indischstämmigen Migranten folgte die Verwendung des Hawala-Systems deren Migrationsverhalten und gelangte in weiterer Folge auch in andere Regionen Asiens, des mittleren Ostens, Europas sowie Nord- und Südamerikas. Trotz seiner langen Geschichte ist das Hawala-System auch gegenwärtig eines der weltweit am häufigsten verwendeten Transaktionssysteme überhaupt.
Das dürfte sich auch zukünftig nicht ändern. „Durch das Bekanntwerden der genauen Arbeitsweisen von US-Geheimdiensten wie der NSA oder der CIA durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden ist davon auszugehen, dass im Verborgenen operierende Gruppierungen wie Terroristen, Geldwäscher und Kriminelle auch in Zukunft verstärkt auf das Hawala-Systems zurückgreifen werden, um dieser Überwachung zu entgehen“, schätzt Thomas Druck die Entwicklungen ein. „Gerade im Internetzeitalter mit seinen zahlreichen Möglichkeiten wie elektronischen SWIFT-Überweisungen, der Cyberwährung Bitcoin oder den elektronischen Handelsplattformen im Darknet wurde in den letzten Jahren klar, dass diese digitalen Systeme derzeit keine wirklich brauchbare Alternative zum Hawala-System darstellen. Zwar wird das Internet beispielsweise bevorzugt zur Rekrutierung und Propaganda von Terroristen benutzt, bei Transfers wird jedoch auf das bewährte Hawala zurückgegriffen, bietet es doch, entsprechendes konspiratives Verhalten vorausgesetzt, nahezu vollkommene Anonymität und Nichtnachvollziehbarkeit der einzelnen Transaktionen.“
In Anbetracht der Bedeutung dieses Systems für Migranten und deren Rücküberweisungen sowie des weltweiten Volumens von geschätzten US-$ 271 Mrd. im Jahr 2013, die über informelle Transaktionssysteme abgewickelt wurden, erscheint es erstaunlich, dass dazu bisher kaum Wissen existiert. Bislang sind in Österreich kaum konkrete Amtshandlungen im Zusammenhang mit diesem System bei der zuständigen Behörde, der FMA, vorhanden. Im Gegensatz zu Deutschland. Obwohl geschätzte drei bis vier Milliarden US-Dollar jährlich über Hawala aus dem gesamten deutschsprachigen Raum transferiert werden. Es ist jedoch zu erwarten, dass gerade im Verborgenen operierende Gruppierungen wie Geldwäscher, Terroristen und andere Kriminelle aufgrund des verstärkten, digitalen Überwachungsdrucks vermehrt auf Hawala setzen werden.“