Zwangsehe

Zwangsheirat ist Gewalt

Auch in Österreich werden minderjährige Mädchen für Ehre, Geld und „aus Tradition“ zur Ehe gezwungen.

Die 17-jährige Tochter kommt von der Schule nach Hause, erzählt vom Unterricht, sagt, wie gern sie lernt und dass sie nach der Matura studieren möchte. Wie reagiert ein Vater darauf? Vielleicht positiv überrascht, sicher aber erfreut und voller Stolz. Die Reaktion von Saras° Vater kann jemand, dem die „Tradition“ fremd ist, minderjährige Mädchen gegen ihren Willen zu verheiraten, nicht nachvollziehen: Er bucht früher als geplant einen Flug in den Kosovo, um seine Tochter in der alten Heimat einem Mann zur Frau zu geben, den er für sie ausgesucht und den sie noch nie zuvor gesehen hat.
Die Zwangsheirat Minderjähriger, die unsereins mit alten Zeiten oder fernen Ländern verbindet, ist für Meltem Weiland vom „Orient Express“, einer von Land und Bund unterstützten Beratungs-, Bildungs- und Kulturinitiative für Frauen, Teil ihrer täglichen Arbeit. Weiland bemüht sich nicht nur, die bedrohten bzw. betroffenen Mädchen und Frauen vor dieser Art der Gewalt zu bewahren, sondern auch darum, mit Vorurteilen und Klischees über von der Familie erzwungene Eheschließungen aufzuräumen. Sara könnte auch Olga, Devi oder Kristina heißen und russische, indische oder ägyptische Wurzeln haben.
Oder ganz andere. In der Statistik für 2015 sind 18 Länder aufgelistet, aus denen die Familien der insgesamt 107 minderjährigen und erwachsenen Klientinnen stammen, die im Vorjahr beraten worden sind. Dass die Türkei mit 27 Ratsuchenden führt, liegt einerseits an dem vergleichsweise hohen Prozentsatz der in Österreich lebenden Türkinnen, vor allem aber an den überwiegend türkischsprachigen Beraterinnen des Orient Express. Mit der gestiegenen Anzahl aus dem arabischen Sprachraum geflohener Frauen in Österreich hat sich auch deren Anteil der Klientinnen des Orient Express vergrößert.
Laut der Statistik des Orient Express ist die Alterskohorte der 20- bis 24-Jährigen am stärksten von Zwangsheirat betroffen, also bereits verheiratet, oder von dieser bedroht. An zweiter Stelle liegt die Gruppe der Minderjährigen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 19 Jahren, die – im Unterschied zu den Älteren – meist in die Beratung kommen, bevor die Ehe geschlossen wird.
Ängste überwinden. Auch bei Sara konnte durch rechtzeitige Hilfe das Schlimmste verhindert werden. Als die 17-Jährige erfuhr, dass ihr Vater plante, sie mit einem ihr unbekannten Mann aus dem Kosovo zu verheiraten, suchte sie im Internet nach einer Beratungsstelle und rief beim Orient Express an, um sich einen Termin auszumachen. „Der Erstkontakt erfolgt meistens telefonisch“, erklärt Weiland, „das erste Gespräch hier in der Beratungsstelle ist der schwerste Schritt, der kostet viel Überwindung. Das liegt auch daran, dass viele glauben, wir holen sofort die Polizei.“
Vor der würden die Familien die Mädchen ebenso warnen wie vor dem Amt für Jugend und Familie (MA 11): „Die Polizei schiebt uns alle ab. Das Jugendamt nimmt den Eltern die Kinder weg.“ Für ein junges Mädchen sei es „der Weltuntergang“, so Weiland, wenn es sich zwischen Zwangsheirat und Trennung von der Großfamilie entscheiden müsse. Sara hatte bei dem Gedanken, ihre Angehörigen zu verlassen, vor allem ihren beiden jüngeren Geschwistern gegenüber ein schlechtes Gewissen. Das war auch ein Grund dafür, dass es sechs Monate dauerte, bis sie sich zu einem Entschluss durchringen konnte.
Zuerst versuchte Sara es auf Vorschlag von Weiland damit, ihrer Familie klar zu machen, wie wichtig ihr die Schule und ein späteres Studium sei. Dabei stieß sie aber auf taube Ohren – und auf eine Konfrontation mit dem respekteinflößenden Vater wollte sie es nicht ankommen lassen. Dieser wiederum schöpfte Verdacht, woraufhin er Sara das Handy wegnahm. Dass der Kontakt zur Beratungsstelle trotzdem nicht abriss, ist insbesondere der Schule zu verdanken, die eingeweiht war und Besuche beim Orient Express während der Unterrichtszeit ermöglichte.
Saras Fall ist in mehreren Beziehungen typisch: Die meisten Mädchen, die zur einer Heirat gezwungen werden sollen, sind zwischen 15 und 18 Jahre alt. Bei jüngeren, die noch der Schulpflicht unterliegen, könnten die Lehrer Verdacht schöpfen; nach der Hochzeit dürfen nur die wenigsten Frauen weiter eine Schule besuchen. Unter-15-Jährige werden entweder mit ihrem Zukünftigen vorerst nur verlobt oder in einem religiösen Ritual verheiratet. Nicht immer sei dieses ein moslemisches, betont Weiland, so gebe es Zwangsehen etwa auch unter koptischen Christen. Mit der standesamtlichen Trauung wartet die Familie, bis das Mädchen nach österreichischem Recht im Heiratsalter ist.

Drohungen und Sanktionen. Ebenso charakteristisch ist die Reaktion von Saras Vater. Zeigt sich eine Tochter von den Heiratsplänen ihrer Eltern wenig begeistert, muss sie mit Drohungen und Sanktionen bis hin zu körperlicher Gewalt rechnen. Kontaktmöglichkeiten werden so weit wie möglich unterbunden, z. B. durch Ausgangssperre oder den Entzug von Mobiltelefon und Computer. Das Mädchen soll dann so schnell wie möglich in das Herkunftsland der Familie gebracht werden, weil die Heirat meist dort stattfindet. Sara hatte Glück – sie schaffte es, noch kurz vor dem geplanten Abflugtermin eine wichtige Prüfung in der Schule abzulegen, danach fuhr sie mit ihrer Betreuerin direkt in die Notwohnung des Orient Express.
In dieser seit August 2013 bestehenden, vom BM.I und dem Ministerium für Gesundheit und Frauen finanzierten Wohnung gibt es acht Plätze und zwei Notbetten für von Zwangsheirat bedrohte bzw. betroffene Frauen und Mädchen. In der Regel bleiben diese maximal drei Monate dort. Bei Minderjährigen entscheidet die MA 11 in Zusammenarbeit mit dem Orient Express, ob die Gefährdung so groß ist, dass das Mädchen in der an einer Geheimadresse befindlichen Notwohnung mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung untergebracht werden muss. Bestehen nach drei Monaten immer noch Sicherheitsbedenken, ist auch eine Übersiedlung in ein anderes Bundesland möglich.
Wenn ein Mädchen den Wunsch hat, wieder Kontakt mit der Herkunftsfamilie aufzunehmen, organisieren die Beraterinnen des Orient Express ein Treffen. So war es auch bei Sara. „Bei dem Gespräch in der Beratungsstelle hat sich der Vater sehr dominant verhalten, die Mutter hat keinen Ton von sich gegeben“, erinnert sich Weiland, woraufhin es zu keinen weiteren Zusammenkünften kam. Mittlerweile lebt Sara in einer eigenen kleinen Wohnung und plant nach wie vor zu studieren – „etwas Soziales“.
Dass ein Studium oder auch nur eine über die Pflichtschule hinausgehende Bildung in den Familien ihrer Klientinnen nichts zählt, Gehorsam vor allem gegenüber den männlichen Angehörigen und hausfrauliche Tugenden dagegen umso mehr, führt Weiland auf die patriarchalischen Strukturen zurück. Eine zentrale Rolle spielt dabei die „Ehre“: Bevor sich ein Mädchen einen – den Eltern nicht genehmen – Freund sucht, mit ihm intim wird und damit Schande über die ganze Familie bringt, verheiratet man es, damit es als Jungfrau in die Ehe geht. Wenn die Eltern erfahren, dass ihre Tochter einen Freund hat – selbst wenn die beiden nur Händchen halten – muss sie zur Strafe mit Zwangsheirat rechnen.

Brautgeld. Oft hat es auch wirtschaftliche Gründe, welchen Mann die Eltern für ihre Tochter bestimmen. Ist die Familie wohlhabend, dann soll der Reichtum in der Familie bleiben und das Mädchen muss einen Cousin heiraten. In etlichen Ländern ist Brautgeld Tradition; so hat der zukünftig Ehemann z. B. in manchen Familien in Ägypten einen „Milchpreis“ dafür zu bezahlen, dass seine Schwiegermutter in spe seine Braut großgezogen und gestillt hat.
„Bei Roma-Familien – aber nicht nur bei diesen – kann der Brautpreis sehr hoch sein, von 5.000 Euro aufwärts. Unlängst waren es in einem Fall 20.000 Euro“, so Weiland, „das ist in meinen Augen kein Brautgeld mehr, sondern Menschenhandel.“ Die um solche Summen verkauften Mädchen sind meist sehr jung, sie werden dazu gezwungen, bei den Schwiegereltern wie Sklavinnen zu leben. Statt weiter in die Schule zu gehen, müssen sie kochen und putzen, müssen lernen, ihren Ehemann zu versorgen und sich um eine Großfamilie zu kümmern.
Einige der Klientinnen des Orient Express sollten mit wesentlich älteren Ehemännern verheiratet werden oder wurden es bereits vor der Kontaktaufnahme. Weiland erzählt von einem Mädchen, das als Waisenkind bei der Großmutter aufwuchs und von dieser mit 17 Jahren einem 21 Jahre älteren Witwer zur Frau gegeben wurde. Immer wieder kam es zu Konfrontationen mit der aus der ersten Ehe stammenden ältesten Tochter des Mannes, die nur um ein Jahr jünger war als seine zweite Frau. Nachdem diese drei Jahre nach der Hochzeit von einer Freundin vom Orient Express erfahren und sich beraten lassen hatte, rang sie sich dazu durch, ihren Mann zu verlassen.

Erzwungenes „Glück“. In vielen Fällen glauben die Angehörigen auch, dem Mädchen etwas Gutes zu tun, wenn sie den Ehemann aussuchen, betont Weiland: „Der Vater, der Opa oder die Oma entscheidet; oft fällt die Wahl auf einen Verwandten. Den kennt man, da weiß man, dass er ein anständiger Mann ist. 'Er trinkt nicht und spielt nicht, er wird dich gut behandeln', heißt es dann.“ Dass das Mädchen mit ihm einfach glücklich werden muss, steht für die Familie außer Zweifel.
Auch für die zum Zeitpunkt der geplanten Hochzeit 17-jährige Mariam° aus Bangladesch wurde ein Verwandter als Ehemann bestimmt. Unter dem Vorwand, die kranke Oma des Mädchens besuchen zu wollen, reiste die ganze Familie in ihr Herkunftsland. Als ein erstes Treffen zum Kennenlernen des Bräutigams arrangiert wurde, erkannte Mariam, was ihre Eltern tatsächlich mit ihr vorhatten. Es gelang ihr, eine E-Mail an ihren ebenfalls aus Bangladesch stammenden Freund in Österreich zu schicken, der sich sofort an den Orient Express wandte.
Weiland nahm mit Zustimmung des Freundes Kontakt mit Mariam auf, um alle für eine Rückführung des Mädchens nach Österreich erforderlichen Daten zu bekommen. „Das hat zwei Monate lang gedauert, weil Mariam immer darauf warten musste, dass jemand ein Handy herumliegen ließ“, erzählt die Beraterin. Als es so weit war, verständigte Weiland in einem ersten Schritt die MA 11, die versuchte, jemanden aus der Familie des Mädchens in Wien zu erreichen – erfolglos, da sich ja schon alle für die Hochzeit in ihrer alten Heimat eingefunden hatten.
Daraufhin wurde das Außenminis­terium informiert, das die Angelegenheit an die österreichische Vertretung in Bangladesch weiterleitete. Diese übergab den Fall an die Behörden des Landes. „Wenn eine österreichische Staatsbürgerin für eine erzwungene Ehe in das Herkunftsland ihrer Familie verschleppt worden ist, haben die dortigen Behörden bisher immer kooperiert. Das war auch bei Mariam so – sie ist durch die örtlichen Polizei von der Familie weggeholt und zuerst einmal zwei Tage lang in einer Wohnung im Land untergebracht worden, bevor sie mit dem Flugzeug nach Österreich gekommen ist“, schildert Weiland.

Aussage verweigern? Anschlie­ßend bekam auch Mariam in der Notwohnung einen Platz. Der Orient Express vereinbarte mit dem .BMI einen Termin für die Vernehmung und bereitete das Mädchen auf diese vor. Betroffene müssen sich darauf einstellen, gegen ihre Eltern auszusagen und damit wahrscheinlich ihre Familie zu verlieren, oder die Aussage zu verweigern – was allerdings auch nicht garantiert, dass die Verbindung zur Herkunftsfamilie bestehen bleibt.
Mariam entschied sich, Anzeige gegen ihre Eltern zu erstatten, enthielt sich dann aber bei der Gerichtsverhandlung der Aussage; laut Weiland aus Angst und weil sie hoffte, später mit ihrer Mutter noch Kontakt zu haben. Das Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt, was laut der Beraterin häufig vorkommt. Trotzdem hatte auch diese Geschichte ein „happy end“: Mariam ist noch immer mit ihrem Freund zusammen, lebt in einer eigenen Wohnung und wird demnächst beginnen, Pharmazie zu studieren.
Gemeinsam ist den Fällen von Sara und Mariam, dass Personen aus dem sozialen Umfeld dazu beigetragen haben, die Zwangsheirat zu verhindern: bei Mariam ihr Freund, bei Sara die Lehrkräfte an ihrer Schule. „In den Jahren 2004 und 2005 haben wir an Schulen Workshops veranstaltet – danach aus finanziellen Gründen leider nicht mehr – um die Jugendlichen über Zwangsheirat zu informieren. Die Lehrenden haben uns kennengelernt und liefern uns seither Hinweise, wenn sich eine Schülerin ihnen anvertraut und um Hilfe bittet“, erklärt Weiland. Manchmal wird der Kontakt zu einer Betroffenen auch über eine Freundin hergestellt, in seltenen Fällen über die Polizei, wenn sich ein Mädchen zuerst an diese wendet.
„Zwangsheirat ist Gewalt“, stellt Weiland unmissverständlich klar; falsche Toleranz gegenüber dieser „Tradition“ sei völlig fehl am Platz. Schon in der Schule sollten die Jugendlichen dafür sensibilisiert werden, was es bedeutet, wenn ein Mädchen zur Ehe gezwungen wird. Um auch die Familien potentiell Betroffener zu erreichen, müsse es Informationen in deren Muttersprache geben, da insbesondere die Mütter oft wenig deutsch sprechen. Der Hinweis, dass Zwangsheirat verboten sei, bringe kaum etwas, so die Beraterin, Aufklärung und bessere Chancen für Mädchen umso mehr – angesichts des im Oktober veröffentlichten Gleichstellungsbericht des Weltwirtschaftsforums für Österreich noch eine große Herausforderung.
Rosemarie Stöckl-Pexa

Quellen:
Gewaltinfo.at des Bundesministerium für Familien und Jugend: http://goo.gl/vZQ8HK
Terre des Femmes: http://info.zwangsheirat.de/
Amnesty International:
http://www.amnesty-frauen.de/Main/Zwangsheirat