Safer Internet

Facts & Fakes

Saferinternet: Für wie glaubwürdig halten Jugendliche Facebook, Twitter & Co.?

Spätestens seit Berater des US-amerikanischen Präsidenten mit der kreativen Wortschöpfung „alternative Fakten“ unfreiwillig für Heiterkeit gesorgt haben, ist dieses Thema aus der öffentlichen Diskussion nicht mehr wegzudenken. Bereits Monate davor haben Journalisten vor den im Internet kursierenden Fake News gewarnt und Wege aufgezeigt, wie man aus der „Filterblase“ der von Algorithmen vorselektierten Informationen entkommen kann. Für wie glaubwürdig Jugendliche die via Facebook, Twitter & Co. verbreiteten Meldungen halten, hat Saferinternet im November und Dezember 2016 erheben lassen.
Für die Studie „Gerüchte im Netz – Wie bewerten Jugendliche Informationen aus dem Internet“ befragte das Ins­titut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung jugendkultur.at im Auftrag von Saferinternet 400 14- bis 18-Jährige; ergänzend fanden sechs vertiefende qualitative Einzelinterviews statt. Die Ergebnisse wurden am 30. Jänner 2017 anlässlich des heuer schon zum 14. Mal stattfindenden Safer Internet Day der Presse präsentiert und die – nicht nur für Lehrer interessanten – Unterrichtsmaterialien „Jugendliche Bilderwelten im Internet“ und „Wahr oder falsch im Internet?“ vorgestellt.

Im „postfaktischen Zeitalter“. Dass das derzeit durch die Medienlandschaft geisternde Schreckgespenst des „postfaktischen Zeitalters“ eine Ausgeburt des bösen Internets ist, stimmt so vereinfacht natürlich nicht. „Fakes gibt es nicht nur in den digitalen Medien, sondern genauso im TV. Und was andere Kinder erzählen, muss auch nicht immer stimmen“, betont Ing. Mag. Bernhard Jungwirth, M.Ed., Koordinator von Saferinternet und Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT). In der Befragung wurden daher auch Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften als Informationsquellen berücksichtigt.
„Woher beziehst Du normalerweise Deine Informationen zu tagesaktuellen Themen, z. B. aus den Bereichen Politik, Sport, Promis, Kultur etc.?“, wurden die Jugendlichen gefragt. Dabei zeigte sich, dass sich das in vergleichbaren Erhebungen bisher unangefochten an der Spitze liegende Fernsehen mittlerweile den ersten Platz mit den Sozialen Medien (je 59 %) teilen muss. Mit Respektabstand folgen Radio (33 %), YouTube (27 %) und Tageszeitungen bzw. Magazine (25 %). Wenn es darum geht, wie glaubwürdig diese Quellen erscheinen, führt Radio (32 %) vor Fernsehen (29 %) und den Webseiten der klassischen Medien (23 %); Soziale Medien rangieren dagegen weit abgeschlagen mit 10 % auf dem achten Platz.
Die Suche nach der Wahrheit kann also nicht der Grund für die Attraktivität von WhatsApp, YouTube, Instagram und Snapchat sein. Diese vier Sozialen Medien sind bei jungen Menschen am beliebtesten – wobei der Austausch von Bildern, wie in der Studie zum Safer Internet Day 2016 festgestellt wurde, für die „Generation Selfie“ einen besonders hohen Stellenwert hat: 88 % der Befragten stellen zumindest einmal pro Woche ein selbst gemachtes Foto oder Video online, mehr als zwei Drittel dieser Aufnahmen sind Selbstporträts. In der Regel bearbeitete, weil man ja dem herrschenden Schönheitsideal entsprechen möchte.

Manipulierte Fotos erkennen. Mit Photoshop und Gimp kennt sich der Nachwuchs also aus; daher verwundert es auch nicht, dass 71 % der für die heuer erschienene Saferinternet-Studie Befragten selbstbewusst behaupten, sie würden merken, ob ein Bild bearbeitet worden ist oder nicht. „Wir haben uns gefragt, ob sich die Jugendlichen nicht überschätzen, wenn sie angeben, manipulierte Fotos zu erkennen“, gibt Dr. Maximilian Schubert, Generalsekretär des Saferinternet-Partners Internet Service Providers Austria (ISPA), zu bedenken.
Von einer wenig realistischen Einschätzung zeugt es auch, wenn die 14- bis 18-Jährigen einerseits auf ihren Selbstporträts Wimmerl digital wegretuschieren und die Beine in die Länge ziehen – wenn aber der Ästhetik eine zentrale Rolle bei der Beurteilung zukommt, ob eine Meldung für wahr oder falsch gehalten wird. „Je schöner, eleganter und professioneller ein Bild aussieht, desto eher vertrauen die Jugendlichen darauf, dass es auch glaubwürdig ist“, stellt Schubert fest.
Außerdem ziehen die Befragten nicht in Betracht, dass ein Bild aus dem Zusammenhang gerissen sein kann. „Sie haben eine geringe Kompetenz beim Erkennen von Kontext“, erläutert Jungwirth. Immer wieder würden im Internet zur Illustration aktueller Sachverhalte Fotos verwendet, die schon Jahre alt seien, 2016 etwa zu der Anschlagserie in Bayern. Das Foto-Recycling könne man in vielen Fällen ganz einfach mittels Bildersuche aufdecken – wenn diese als Ergebnisse andere Web-Sites mit derselben Aufnahme, aber einem völlig anderen Text liefere. Bedenklich ist die Sorglosigkeit Bildern gegenüber vor allem deshalb, weil die Jugendlichen Fotos und Videos mehr vertrauen als Worten.

Das „Informationsdilemma“. Dass mit den Sozialen Medien gerade besonders häufig genutzte Informationsquellen eine – auch nach Einschätzung der Jugendlichen – sehr geringe Glaubwürdigkeit aufweisen, bezeichnet Jungwirth als „Informationsdilemma“, aus dem man sich nur durch Informationskompetenz befreien könne: „Erstens muss man Informationen online finden, zweitens die gefundenen Informationen auch beurteilen können. Wer steckt dahinter, ist das ein vertrauenswürdiger Info-Profi, z. B. ein Journalist, oder eine Privatperson? Drittens geht es darum, die Informationen zweckmäßig zu nutzen und zu verarbeiten.
Dass es mit ihrer Informationskompetenz nicht weit her ist, geben die Jugendlichen selbst zu. Die Frage, wie oft sie – sei es bei Web-Recherchen für Hausübungen, in Sozialen Netzwerken oder beim Surfen im Internet – nicht ganz sicher sind, ob die gefundenen Informationen der Wahrheit entsprechen, beantwortet knapp die Hälfte mit „manchmal“, weitere 36 % zweifeln sogar „sehr oft“ oder „oft“ an ihrer eigenen Einschätzung. Dabei dreht es sich laut Jungwirth nicht um Beiträge zu komplexen Themen, bei deren Bewertung sogar kompetente Internet-Nutzer mitunter ratlos sind, sondern um „rudimentäre Skills“ – für manche der Befragten sei es schon eine Herausforderung, die korrekte Bevölkerungszahl eines Landes online zu recherchieren.
Jeder sechste Jugendliche meint, es sei „schwer“, herauszufinden, ob wirklich stimmt, was im Internet behauptet wird. Das sehen manche allerdings recht locker, wie ein Zitat aus einem der Einzelinterviews beweist: „Ganz sicher kann man sich nie sein. Und wahrscheinlich ist es eh immer nur eine Frage der Sichtweise!“ Für Schubert eine besorgniserregende, weil relativierende Aussage: „Wir sind der Ansicht, dass es sehr wohl möglich ist festzustellen, was wahr ist und was nicht. Man muss recherchieren, aus welchen Quellen die Informationen stammen.“

Lehrer und Eltern sind gefordert. Für eine Demokratie, so der ISPA-Generalsekretär weiter, sei es wichtig, dass die wahlberechtigten Personen die Fähigkeit hätten, sich selbst Informationen über den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu verschaffen. Hoffentlich besitzen die Erwachsenen diesen Skill auch, immerhin müssen sie ihn ja weitervermitteln. Das erwartet zumindest der Nachwuchs, und zwar hauptsächlich von den Lehrern (71 %) und den eigenen Eltern (83 %). Medien und Verfasser von Beiträgen im Internet (18 %) sowie Freunde und Bekannte (16 %) sind weit weniger gefordert, wenn es darum geht, den Kids beizubringen, wie man die Richtigkeit von Informationen überprüft. Nur 8 % glauben, das müsse man allein schaffen.
Tatsächlich ist nach eigener Aussage ein knappes Viertel der Befragten auf sich selbst gestellt und gibt an, es nie gelernt zu haben. Weniger als die Hälfte hat die sogenannte „Kompetenz der Informationsbewertung im Internet“ in der Schule erworben, rund ein Drittel mit Hilfe der Eltern; Freunde und Bekannte bzw. das Internet selbst spielen als Lehrmeister eine untergeordnete Rolle. „Diese Kompetenz ist noch nicht ausreichend im digitalen und schulischen Alltag angekommen“, bedauert Jungwirth und betont, man könne gar nicht früh genug beginnen, sich diesen Skill anzueignen. Zu diesem Zweck hat Saferinternet bereits 2013 das Handbuch „Safer Internet im Kindergarten“ herausgegeben.
Seither hat Saferinternet eine Reihe weiterer Informations- und Unterrichtsmaterialien für Erwachsene bzw. für Kinder und Jugendliche herausgebracht. Auch heuer sind einige dazugekommen, unter anderem ein „Fake-News Bingo für Soziale Netzwerke“, in dem Tipps, wie man Falschmeldungen im Internet entlarvt, auf amüsante Weise verpackt sind. Die Alarmglocken läuten sollten bei Formulierungen wie „Endlich kommt die Wahrheit ans Licht“, „Das ist eine Bedrohung für uns alle“ oder „Dafür verantwortlich sind Politiker wie ...“.

Hirnamputierte Lügenpresse. Ebenso auf der Schwarzen Liste stehen verallgemeinernde Feststellungen über Gruppen von Menschen, etwa Muslime oder Flüchtlinge, die sich angeblich „schlecht“ verhalten. Dazu kommen die üblichen verdächtigen Ausdrücke, z. B. „Lügenpresse“, aber auch das Wort „Hirn“ in Zusammensetzungen wie „hirnlos“ oder „hirnamputiert“. „Schrecklich“, „herzzerreißend“, „unfassbar“ und andere emotionale Begriffe sowie ein durch Großbuchstaben dargestelltes „Schreien“ appellieren an die (niederen) Gefühle des Lesers, nicht an seinen Verstand, und sind daher mit Vorsicht zu genießen. „Bei Reißerischem sollte man genauer hinsehen“, betont Jungwirth.
Sogar beim Fehlen der Kennzeichen, die für Verschwörungstheorien und extreme politische Ideologien typisch sind, lässt sich nicht ausschließen, dass es sich um „alternative Fakten“ handelt. „Das Bauchgefühl kann stimmen oder nicht“, widerspricht Schubert der verbreiteten Annahme, man könne Falschmeldungen intuitiv erkennen; laut Studie vertrauen drei von zehn Jugendlichen dem vielzitierten „Bauchgefühl“. 62 % verlassen sich lieber auf eigene Recherchen im Internet – wobei Schubert anmerkt, dass diese oft sehr oberflächlich ausfallen. 45 % der Befragten geben an, sich anzuschauen, wer die Meldung veröffentlicht hat.
Allerdings muss man im Zeitalter von „copy and paste“ auch dabei aufpassen, denn der ursprüngliche Text kann mehrmals hintereinander von jemand anderem übernommen – und dabei aus dem Zusammenhang gerissen – worden sein. Selbst der glaubwürdigste Freund als Absender garantiere nicht für den Wahrheitsgehalt einer Nachricht, erklärt Schubert, der mit seiner Vermutung „die meisten von uns haben wahrscheinlich schon einmal einen Tweet weitergeleitet, ohne ihn genau gelesen zu haben“ an die Verantwortung der Erwachsenen appelliert. Diese könne und dürfe einem auch die Politik nicht abnehmen, so Jungwirth: „Man muss zwischen Fakten und Meinung unterscheiden lernen – und nicht das 'Wahrheitsministerium' fordern.“
Rosemarie Stöckl-Pexa