ÖBB

Sicherheit am Zug

Die ÖBB setzen Maßnahmen zum Schutz von Fahrgästen und Zugpersonal.

Schaffner krankenhausreif geschlagen“, titelte der ORF am 25. Dezember 2016 auf seiner Web-Site. Ein Zugbegleiter, der auf der Strecke zwischen dem Flughafen Schwechat und dem Hauptbahnhof die Fahrkarten kontrollierte, wurde von einem Fahrgast attackiert und musste mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich hoffe, dass Schlagzeilen wie diese der Vergangenheit angehören“, erklärte Roman Hebenstreit, Vorsitzender des ÖBB-Konzernbetriebsrats und der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida, bei einer Pressekonferenz zum Thema „Sicherheit am Zug“ am 19. Jänner 2017.
Anlass der Veranstaltung war eine aktuelle Umfrage zum Sicherheitsempfinden von ÖBB-Fahrgästen, die gemeinsam mit dem neuen Maßnahmenpaket für „Sicherheit am Zug“ den Medien präsentiert wurde. Das erfreuliche Ergebnis der Befragung wird durch die besorgniserregend hohe Anzahl von Übergriffen auf das Zugpersonal getrübt, die die Österreichischen Bundesbahnen unter anderem durch enge Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Inneres drastisch senken wollen. Wie das gelingen soll, erläuterten Hebenstreit sowie der Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie Mag. Jörg Leichtfried und der ÖBB-Vorstandsvorsitzende Ing. Mag. (FH) Andreas Matthä.

Hohe Sicherheit für Fahrgäste. „Die Studie hat bestätigt, dass die Sicherheit für Fahrgäste gut ist; knapp 80 Prozent fühlen sich sicher“, verkündete der Verkehrsminister zuerst einmal die gute Nachricht. Dieses Empfinden deckt sich mit den Fakten: Laut des ÖBB-Sicherheitsberichts für 2016 ist die Zahl der Diebstähle an Reisenden von über 2.500 Fällen im Jahr 2015 auf unter 2.300 im Vorjahr zurückgegangen. Auch die Zahl der tätlichen Übergriffe auf Fahrgäste – 2016 waren es 18 – stagniert schon seit längerem mit unter 20 pro Jahr auf niedrigem Niveau, obwohl die Fahrgastzahlen stetig steigen. 2016 waren es mit 242 Millionen vier Millionen mehr als im Jahr davor.
Dass sich diese positive Entwicklung fortsetzt, ist Leichtfried ein großes Anliegen: „Öffentliche Verkehrsmittel sind öffentlicher Raum. Die Leute müssen sich darauf verlassen können, dass sie hier sicher sind. Für diese Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen müssen wir sorgen.“ Wobei manche Bahnhöfe in letzter Zeit bekanntlich zu wünschen übrig lassen, was die vielzitierte subjektive Sicherheit angeht. Wenn sich das nicht ändert, könnte es sich negativ auf die Fahrgastzahlen auswirken, denn die Sicherheit, so Leichtfried, sei ein Grund, ob man öffentliche Verkehrsmittel benutze oder nicht.
Matthä zählte die Faktoren auf, die für Fahrgäste relevant sind: Sicherheit, Gründlichkeit, Sauberkeit, Information und Freundlichkeit. Über 90 Prozent der Befragten bezeichneten sowohl die objektive als auch die subjektive Sicherheit als wichtig. Zweitere sei in begleiteten Zügen deutlich höher, erklärte Hebenstreit: „Es ist klar, dass Menschen das Sicherheitsgefühl mehr heben als technische Maßnahmen. 77 Prozent wünschen sich mehr sichtbares Zugpersonal. Das entspricht auch den gesetzlichen Rahmenbedingungen: Züge sind grundsätzlich mit Zugbegleitern zu besetzen, alles andere ist eine mögliche Ausnahme.“
Stellt man die gefühlte Sicherheit in den Zügen der auf den Bahnhöfen gegenüber, so schneiden letztere schlechter ab: Die Züge bewerteten 78 Prozent der Fahrgäste als sehr sicher oder sicher, 18 Prozent als neutral und nur vier Prozent als nicht oder gar nicht sicher. Bei Bahnhöfen entfielen 56 Prozent auf die Kategorien „sehr sicher“ oder „sicher“, 29 Prozent auf „neutral“ und 12 Prozent auf „nicht“ oder „gar nicht sicher“. Jeder Zehnte empfindet den Bahnhof, den er am häufigsten frequentiert, als nicht oder gar nicht sicher. Videoüberwachung, bessere Beleuchtung und mehr Ansprechpersonen sind die meistgenannten Vorschläge, um die Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen zu erhöhen.

Bauliche Maßnahmen. Im Rahmen der „Service- und Sicherheitsoffensive“ der Bundesbahnen werden diese Vorschläge berücksichtigt. Verkehrsministerium und ÖBB setzen insgesamt über 300 bauliche Maßnahmen, von denen zirka zwei Drittel bereits abgeschlossen sind; so wurden bzw. werden alle Bahnhöfe und Haltestellen modernisiert. „Die modernen Bahnhöfe sind heller, das trägt zur Hebung des subjektiven Sicherheitsgefühls bei“, erklärte Matthä. Das Verkehrsministe­rium investiert heuer rund 1,3 Millionen Euro, etwa für bessere Beleuchtung, zusätzliche Videokameras oder zeitgemäße Notrufeinrichtungen. Neue Zuggarnituren wie die „City-Jets“ sind heller, besser einsehbar und mit Überwachungskameras ausgestattet. Zu den Videokameras in Zügen und den insgesamt 6.200 Kameras auf Bahnhöfen, sind mittlerweile Bodycams dazugekommen. Im Dezember 2016 haben die ÖBB 50 Sicherheitsbedienstete auf den Hauptbahnhöfen in Wien und Graz probeweise mit Körperkameras ausrüstet. Wie schon zuvor bei der Wiener Polizei zeigte sich auch bei den ÖBB-Securitys, dass die gut sichtbar zwischen Schulter- und Brustbereich an der Uniform angebrachten Kameras eine präventive und deeskalierende Wirkung haben. „Bis Sommer läuft die Beobachtungsperiode“, so Matthä, „wenn sich die bisherigen guten Erfahrungen bestätigen, dann bekommen auch Zugbegleiter Körperkameras.“
Die Zugbegleiter zu schützen, ist höchste Eisenbahn, denn laut Statistik war im Vorjahr jeden zweiten Tag einer von ihnen von einem Übergriff betroffen, jeden fünften Tag ein ÖBB-Security. „Als Gewerkschaftsvertreter geht es mir um die Sicherheit unserer Mitarbeiter, da hat es in den letzten Jahren eine negative Entwicklung gegeben. Auch Lokführer, Busfahrer, Fahrdienstleiter und Reinigungspersonal sind Angriffen ausgesetzt“, nannte Hebenstreit weitere besonders gefährdete Berufsgruppen im Bereich der Bundesbahnen. Die größte Wahrscheinlichkeit, Opfer eines tätlichen Angriffs zu werden, besteht auf den Bahnhöfen in Wien, Linz, Salzburg und Graz sowie auf der Strecke Wien – Salzburg.
„Ich würde mir wünschen, dass man in Zukunft die Möglichkeit hat, Personen, die sich ungebührlich verhalten, von der Beförderung auszuschließen. Jetzt sitzt dieselbe Person am nächsten Tag wieder ohne Fahrschein im Zug“, äußerte Hebenstreit ein Anliegen seiner Gewerkschaft. Daraus wird – zumindest vorerst – nichts; einer anderen gewerkschaftlichen Forderung kommt der Gesetzgeber mit der Strafrechtsnovelle, die im September in Kraft treten soll, nach: Künftig muss jemand, der Mitarbeiter öffentlicher Verkehrsmittel attackiert, mit bis zu zwei Jahren Haft rechnen. Öffi-Bedienstete werden damit Polizei- und Justizwachebeamten gleichgestellt.

Mehr Sicherheitspersonal. Seitens der ÖBB sind verschiedene Maßnahmen für mehr Sicherheit für die Zugbegleiter geplant. Bis Ende 2018 sollen 425 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden, davon 130 Zugbegleiter und bis zu 295 Sicherheitsbedienstete. Zugbegleiter sind nicht mehr allein, sondern in Teams im Zug, ihre Anzahl in den stark frequentierten Railjets wird verdoppelt. Das Alarmierungskonzept für Zugbegleiter ist optimiert worden, damit sie mittels einfacher Handgriffe rasch Unterstützung durch Securitys oder Polizei anfordern können. Am Abend sind mehr Securitys im Einsatz; im Wiener Raum fahren die Sicherheitsbediensteten auch in der Schnellbahn mit.
Im Rahmen der seit 2005 bestehenden Kooperationsvereinbarung mit dem Innenministerium „Gemeinsam sicher“ wird die Bereitschaftspolizei verstärkt auf der S-Bahn-Stammstrecke unterwegs sein und auch Fernzüge bestreifen. „Für das subjektive Sicherheitsgefühl ist es wichtig, mehr Polizeipräsenz zu zeigen“, betonte Matthä. Derzeit findet wöchentlich ein Informationsaustausch zwischen BM.I und ÖBB statt. Die Polizei hält Schulungen für Zugbegleiter und ÖBB-Securitys ab, in denen diese üben, zu erkennen, ob ein Konflikt entsteht, und deeskalierend einzugreifen.
Angesichts der negativen Schlagzeilen, für die diverse Vorkommnisse am Wiener Westbahnhof in den letzten Monaten immer wieder gesorgt hatten, verwundert es nicht, dass Medienvertreter dieses heiße Thema ansprachen. Hier setzen die österreichischen Bundesbahnen ebenfalls auf Zusammenarbeit mit der Polizei. „Wir haben unsere eigene Security verstärkt, auch mit Hundestaffeln, und vor allem in den Abendstunden ist mehr Polizei da“, nannte Matthä konkrete Maßnahmen. „Gefährlich“ sei es am Westbahnhof allerdings nicht: „Dort treffen sich rivalisierende Jugendgruppen, die das subjektive Sicherheitsempfinden beeinträchtigen. Reisende oder Geschäftsleute werden aber nicht bedrängt“, sagt der ÖBB-Vorstandsvorsitzende.
Rosemarie Stöckl-Pexa