Mahnmale

Der sexuelle Missbrauch eines Kindes ist selten ein einmaliges Ereignis. Es ist ein schleichender Prozess, eine immer wiederkehrende Tat, monatelang, oft über Jahre hindurch, nicht selten weit in die Pubertät hinein – einen Lebensabschnitt, in dem sich die Kinder ohnehin in einem Ausnahmezustand befinden.
Die Täter leben in der Umgebung der Opfer. Nur in sechs Prozent der Fälle sind es völlig Unbekannte; der klassische Fall aus „Es geschah am helllichten Tag“ mit einem Fremden als Täter ist die Ausnahme, nicht die Regel. Die Regel sind Täter mit enger Beziehung zum Opfer: Väter, Onkel, Babysitter, Freunde der Familie mit Einfluss auf das Kind, mit Autorität und allem, was damit zusammenhängt. Die Opfer vertrauen ihnen, tun, was die Täter von ihnen verlangen und verschweigen anderen, was man ihnen zufügt. Die Kinder würden es als unmoralisch empfinden, die Missbraucher zu verraten. Oft üben diese direkten Druck auf sie aus – drohen mit dem Heim für schwer Erziehbare oder der Spaltung der Familie. Doch meist sind harte Drohungen nicht nötig, die Kinder schweigen auch so, aus Angst, Scham, oder weil sie glauben, selbst schuldig zu sein.
Verdrängung. Sie werden zu Weltmeistern im Verdrängen, bauen sich zum Selbstschutz in ihrem Inneren eine zweite, reine Welt auf, in der sie das andere Leben leben, das glücklichere, frei von dem, was ihnen widerfährt.

Alarmzeichen
Nur mit leisen, ganz feinen Notzeichen versuchen die Kinder, auf sich aufmerksam zu machen. Sie stoßen die Erwachsenen nicht mit der Nase auf ihr Problem – im Grunde wollen sie es ja verbergen. Sie verschlüsseln ihre Botschaften. Diese werden meist erst im Nachhinein als solche gewertet – wenn der Missbrauch aufgedeckt ist, erkennt die Umwelt: Das hätte auffallen müssen.
Die codierten Hinweise sind bei vielen Kindern gleich oder ähnlich. Sie ergeben selten ein eindeutiges Bild, doch wird bei genauem Hinsehen eine Richtung sichtbar. Daher ist es wichtig, die Notsignale missbrauchter Kinder zu kennen, um sie im Ernstfall erkennen zu können.
Diese Broschüre befasst sich im ersten Teil mit den Alarmzeichen und Phänomenen, die mit sexuellem Kindesmissbrauch
zusammenhängen. Fünfzehn Prozent der Opfer werden durch sexuellen Missbrauch körperlich verletzt – seelische Verletzungen trägt jedes Kind davon, durch jede einzelne Tat. Daher ist es wichtig, den Missbrauch so rasch wie möglich zu beenden und die nötigen Schritte einzuleiten und zu verhindern, dass es wieder vorkommt. Diese Broschüre zeigt Wege und Möglichkeiten auf, wie die Taten aufzudecken sind und was die Folgen sind.
Sexueller Kindesmissbrauch ist kein unabwendbares Schicksal. Eltern haben die Aufgabe, ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen zu erziehen – in allen Bereichen, auch in jenen, die Sexuelles betreffen.
Die Botschaft „dein Körper gehört dir allein“ ist einer der wichtigsten Bestandteile mündiger Erziehung. Das hilft gegen den sexuellen Missbrauch durch Fremde und den Missbrauch durch Bekannte.
Was Kinder im Laufe ihrer Erziehung erfahren sollten, um gegen Sexualtäter „Vorsorge-geimpft“ zu sein, damit beschäftigt sich ein weiterer Teil dieser Broschüre: mit der Verhinderung des Delikts.

Danke
Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich hat die Broschüre inhaltlich betreut. Dafür danken wir ihm.
Die Zeichnungen, die diese Broschüre illustrieren, stammen von missbrauchten Kindern. Sie sollen uns eine Ahnung von den Stimmungen vermitteln, die missbrauchte Kinder durchmachen, wie sie sich fühlen und wie sie langsam wieder zu leben lernen. Sie haben sie im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) in Hinterbrühl (NÖ) gemalt. Dr. Rotraut Erhard, Psychologin und Psychotherapeutin des HPZ, hat sie ausgesucht und die Texte zu den Bildern verfasst. Auch ihr danken wir.
Diese Bilder und die in dieser Broschüre erzählten Fälle sollen wie Mahnmale auf unsere Verantwortung hinweisen, die wir uns täglich ins Bewusstsein rufen sollten.
Die Redaktion