"Schutzimpfen"

Oberste Regel für vorbeugende Erziehung eines Kindes ist die Erziehung zu einem selbstbewussten Menschen. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht.

Die beste „Schutzimpfung“, die Erziehende ihren Kindern gegen sexuellen Missbrauch mitgeben können, ist eine Erziehung zu einem selbstbewussten, kritischen Menschen. Wobei Selbstbewusstsein nicht verwechselt werden sollte mit Missachtung aller Regeln.
Kinder sollten noch vor dem Kindergartenalter wissen, dass ihr wichtigster Verbündeter ihr Gefühl ist. Auf dieses sollten sie hören, wenn ihnen etwas „komisch“ vorkommt. Dazu ist es notwendig, dass sie sensibilisiert sind. Die Erziehung ist sehr oft darauf abgestellt, das Gefühl zu Gunsten erlernter Regeln zu verdrängen. Eine schwere Aufgabe für Eltern, hier über ihren eigenen Schatten zu springen und auch Gefühle zuzulassen, um den Kindern das Wahrnehmen von Gefühlen vorzuleben und sich von den Kindern manchmal selbst in Frage stellen zu lassen.

Kinder haben das uneingeschränkte Recht auf ihren Körper. Niemand darf die Unantastbarkeit ihres Körpers verletzen. Natürlich gilt das nicht für den Arztbesuch, bei dem es darum geht, dem Kind zu helfen. Es gibt wenige Regeln, die ohne Einschränkung gelten und ohne Ausnahme.
Wichtig: Das Kind soll nein sagen dürfen, ohne einen Grund dafür zu nennen. Es darf den Begrüßungskuss der Tante verweigern, ohne sagen zu müssen, warum. Der Mechanismus sollte geübt werden, etwa in Form eines Rollenspiels: Die Mutter spielt die Tante, das Kind lehnt den Kuss ab, ohne die „Tante“ vor den Kopf zu stoßen.
Kinder sind sensibler als Erwachsene. Sie nehmen ihre Gefühle noch eher wahr als ihre Eltern. Bei Erwachsenen übertönt die Vernunft oft das Gefühl. Kinder lehnen daher manche Menschen ab, ohne es begründen zu können. Eltern sollten es akzeptieren, auch wenn sie es sich nicht vorstellen können, warum das so ist.
Für Erwachsene gehört eine Portion Respekt dazu, um das zu lernen. Sie geben dem Kind dadurch zu verstehen: Was dich und deinen Körper betrifft, darfst ganz allein du bestimmen; deine Persönlichkeit, und ist sie noch so klein, darf niemand antasten. Damit vermitteln Eltern gleichzeitig, dass es umgekehrt genauso ist: Auch das Kind darf nicht in die persönlichen Rechte eines anderen eingreifen.

Ab einem gewissen Alter verändert sich die Einstellung des Kindes zu seinem Körper und zu seiner Umwelt. Plötzlich möchte es nicht mehr mit Geschwistern in einer Badewanne baden, lässt Mutter und Vater nicht ins Badezimmer, wenn es sich duscht. Das Kind sollte sich so früh wie möglich selber waschen. Eltern sollten die Wünsche des Kindes besonders in dieser Phase akzeptieren.
In vielen Missbrauchsfamilien herrscht ein „versexualisierter Alltag“, bei dem es ständig zu versteckten Annäherungen kommt, bis hin zum Ansehen von Pornofilmen. Es entsteht eine Atmosphäre, die Übergriffe zulässt, ohne dass die Kinder etwas dabei finden, zumindest anfangs. In einem solchen Umfeld ist auch die Aufdeckung eines Missbrauchs schwieriger, weil sich die Kinder leichter damit abfinden und es als „normalen“ Zustand ansehen. Wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind am Schulweg in ein Auto einsteigt, nur weil es ein Fremder von ihnen verlangt, müssen sie hinnehmen, selbst in Frage gestellt zu werden. Kindern sollte vermittelt werden: Nicht alles, was Erwachsene sagen oder tun, ist in Ordnung, nicht alles darf das Kind unkritisch glauben und befolgen. Am besten zeigen das Eltern ihren Kindern, indem sie auf eigene Fehler hinweisen. Wenn Kinder ihre Eltern auf Fehler aufmerksam machen, sind sie am Weg zu einem starken, selbstbewussten Ich. Dann sind sie auch bereit, den Rat anzunehmen: „Wenn dich jemand in sein Auto locken will, steig nicht ein.“

Der 13-jährige Florian galt als „braves“ Kind, folgte artig jedem Erwachsenen. Als er eines Tages am Bahnhof auf einen Zug wartete, sprach ihn ein 30-Jähriger an und gab sich als Kriminalbeamter aus. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Pädophilen. Der Mann zeigte Florian einen Fantasieausweis, der Florian zwar seltsam vorkam, doch der Bub ging mit dem falschen Polizisten mit.
Sie fuhren mit dem Autobus (auch das kam Florian eigenartig vor) zum Büro des „Kriminalbeamten“. Der Mann drängte Florian in einen Raum, in dem eine Couch, ein Tisch und zwei Sessel standen. Dann nahm der „Beamte“ Florians Daten auf. Bereitwillig gab der 13-Jährige Auskunft über seine Familie. Der angebliche Kriminalist tat so, als riefe er die Großmutter des Buben an und wies sie an, ihn von der Wachstube abzuholen. Dann musste sich Florian ausziehen. Der „Herr Inspektor“ wollte nachsehen, ob Florian blaue Flecken hatte. Der 13-Jährige musste Perversitäten über sich ergehen lassen. Erst kurz vor 22 Uhr ließ ihn der falsche Polizist frei.


Der Pfad ist eng, auf dem Eltern wandeln, wenn sie ihren Kindern beibringen, blindes Vertrauen ist schlecht, trotzdem brauchen sie nicht in ständiger Angst durchs Leben zu gehen. Für gesundes Misstrauen gibt es keine klare Trennlinie, die Gutes von Schlechtem auseinanderhält.
Ähnlich verhält es sich mit Geheimnissen. Viele Missbraucher reden dem Kind ein, was passiert ist, sei ein Geheimnis zwischen ihnen, das sie niemandem weitersagen werden. Kinder, die „gute“ Geheimnisse nicht von „schlechten“ zu unterscheiden wissen, werden sich an das Gelöbnis halten.
Eltern, die von ihren Kindern verlangen, keine Geheimnisse vor ihnen zu haben, werden eines Tages feststellen, dass das nicht funktioniert. Das Kind wird erkennen, dass, wenn es alles seinen Eltern weiter erzählt, ihm seine Freunde nichts mehr anvertrauen.

Je älter das Kind wird, desto öfter wird es nicht alles mit Vater und Mutter besprechen können. Eine schmerzliche Erkenntnis für die meisten Eltern. Die erste Liebe, von der der oder die Verehrte noch nichts weiß, die erste Enttäuschung, die Freude über den ersten Kuss – Dinge, die das Kind lieber und einfacher mit Freunden bespricht. Es sollte wissen, dass das in Ordnung ist. Wichtig ist, dass das Kind auch solche Angelegenheiten mit jemandem bespricht, zu dem es Vertrauen hat.
Eltern können in ihrem Kind die Erzählbereitschaft wecken, indem sie ihm das Gefühl geben, dass sie es ernst nehmen, ihm zuhören und an seinem Leben teilhaben. Sie sollten sich als Ansprechpartner anbieten, für alles, worüber das Kind sprechen möchte – Erlebnisse, Sorgen, Ängste. Die Kinder werden das Angebot nicht immer annehmen, mit zunehmendem Alter wahrscheinlich immer seltener, doch: Sie dürfen über alles reden.

Aufklärung

Die Sexualaufklärung beginnt, sobald sich ein Baby selbst entdeckt und Eltern ihm beibringen, wie die Körperteile heißen. Kein Bereich darf als „verleugnete Zone“ ausgespart werden, auch nicht die Geschlechtsteile. Wie sollte das Kind später, wenn ihm etwas zustößt, die Regionen des Körpers bezeichnen können, um die es geht?
Die Geschlechtsteile sollten in einer klaren Sprache benannt werden, die nichts verschleiert oder krampfhaft umschreibt. Das würde dem Gespräch über sexuelle Dinge die Selbstverständlichkeit nehmen, die es braucht, um zustande zu kommen. Gleichzeitig sollte vermittelt werden, dass es sich bei den Geschlechtsteilen um eine persönliche Zone handelt, über die jeder selbst bestimmen darf.
Nur das Kind, das rechtzeitig auf Gefahren aufmerksam gemacht wird, weiß, was es in Notsituationen zu tun hat.
Mit der Aufklärung über Sexualität im eigentlichen Sinn sollten Eltern dann beginnen, wenn die Fragen danach auftauchen. Spätestens in der Vorpubertät (etwa acht bis zehn Jahre) sollte das Kind aufgeklärt sein.

Babysitter

Eltern sollten darauf achten, wem sie ihr Kind anvertrauen. Dabei sollten sie auf ihr Gefühl hören und im Zweifelsfall einen anderen Babysitter wählen. Auch das Kind sollte das Recht erhalten, einen Babysitter abzulehnen – ohne einen Grund dafür zu nennen.
Verhaltensänderungen der Kinder sind nicht immer Warnzeichen für Kindesmissbrauch. Sie können zur normalen Entwicklung gehören. Wichtig ist es, wachsam zu sein für Veränderungen des Kindes, den Verdacht nicht von der Hand zu weisen oder zu verdrängen, nur weil er unangenehm ist oder Schande über die Familie bringen könnte.
Es kostet Erwachsene Überwindung, sich jemandem im Falle eines Verdachts anzuvertrauen. Wie hoch muss diese Hürde erst für Kinder sein? Erwachsene sollten sie für sie bezwingen und selbst Hilfe in Anspruch nehmen.
Wenn ein Kind es schafft, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, sollte man ihm grundsätzlich glauben und es nicht als Lüge abtun. Sie sollten sich ihm sofort zuwenden. Später könnte sich das Kind wieder verschließen.
Dasselbe gilt für andere Personen, denen sich Kinder anvertrauen, oder denen etwas suspekt vorkommt. Für sie bedeutet der Schritt zu einer Hilfsinstitution Zivilcourage, die Erwachsenen oft abhanden gekommen ist.
Doch wenn sie Kinder allein lassen, verstoßen sie einen Menschen, der sich vielleicht nie wieder jemandem öffnen wird.