Väter als Täter

Männer (und Frauen), die Kinder missbrauchen, sind unauffällige, anerkannte Mitglieder der Gesellschaft. Sie kommen aus allen Schichten, Berufen, sind Städter genauso wie Menschen vom Land.

Männer, die Kinder missbrauchen, sehen nicht aus wie Monster, wie Psychopathen, müssen nicht dünn, dick, ungepflegt, kurz- oder langhaarig sein.
Übrigens missbrauchen auch Frauen Kinder, aber nur ein Prozent der Angezeigten sind weiblich. Untersuchungen lassen einen höheren Frauenanteil unter den Tätern vermuten. Wahrscheinlicher Grund für den verschwindenden Anteil in der Kriminalstatistik: Kaum jemand würde auf die Idee kommen, dass eine Frau einen Buben oder ein Mädchen vergewaltigt.
Ähnlich verhält es sich bei den Schichten, aus denen die Täter kommen. Studien belegen: Die Täter kommen aus allen Gesellschaftsbereichen – sie sind Akademiker, Hilfsarbeiter, Fachkräfte, sie sind arm, reich, Durchschnittsverdiener, leben in Wohnungen, Einfamilienhäusern und Villen, sie sind Familienväter, geschieden oder nicht verheiratet, vorbestraft, schwer kriminell oder haben sich nie etwas zu Schulden kommen lassen.
Man sieht es den Tätern äußerlich nicht an. Sie verhalten sich wie jeder andere, führen ein perfektes Doppelleben als biedere Familienväter und Mütter, als freundliche Nachbarn, hilfsbereite Babysitter – was es den Opfern noch schwerer macht, sich an jemanden um Hilfe zu wenden. Niemand würde ihnen glauben, niemand könnte es sich vom Verdächtigen vorstellen. In vielen Fällen fällt somit ein jahrelanger Missbrauch nicht auf.
Männer, die wegen Kindesmissbrauchs in den Gefängnissen sitzen, stammen hauptsächlich aus unteren Schichten. Das hat mehrere Ursachen: Kindesmissbrauch wird meist erst angezeigt, wenn die Folgen so offensichtlich sind, dass das Umfeld des Opfers nicht mehr daran vorbeisehen kann, etwa wenn es zu schweren Verletzungen des Kindes kommt.

Geld und Einfluss als Täterschutz?

Männer aus unteren Schichten wenden allgemein öfter Gewalt an als besser Gestellte. Letztere sind meist gebildeter und geschickter im Vertuschen. Sie üben einen subtileren Druck aus auf die Opfer, der schwerer zu durchschauen ist und dem sich Kinder deshalb noch mehr beugen als offen ausgesprochenen Drohungen. Ihr Umfeld glaubt vermutlich, gesellschaftlich viel an Ruf zu verlieren zu haben und ringt sich schwerer zur Anzeige durch.
Der Kreis schließt sich: Die Allgemeinheit bekommt ein falsches Bild von den Tätern vermittelt und vermutet sie seltener in höheren Schichten. Das Klischee wird zum Schutzschild für Täter mit Geld und Einfluss.
Personen im Umfeld des Täters aus unteren Schichten denken möglicherweise weniger komplex als höher Gebildete und sind daher konsequenter. Sie sind eher zu einem Schnitt bereit – zu einem Ende mit Schrecken.

Schrecken ohne Ende

Meist ist der Kindesmissbrauch ein Schrecken ohne Ende, wenn der Täter aus der Familie stammt oder aus dem Bekanntenkreis. Die Kinder müssen die Taten drei bis elf Jahre lang über sich ergehen lassen. Die wenigsten Missbrauchsverbrechen dauern weniger als ein Jahr; ein einmaliges Vorkommnis sind sie fast nie. Zehn Prozent der Missbraucher sind Väter, sieben Prozent Adoptiv- oder Stiefväter, acht Prozent leben in einem anderen Verhältnis zum Opfer mit ihm unter einem Dach. Die Opfer sind von ihnen abhängig – materiell wie seelisch.
Die Täter tarnen den sexuellen Missbrauch oft mit Spielen. Später tritt der sexuelle Hintergrund immer mehr an die Oberfläche. Ein Erzieher eines Internats übte die „Spiele“ derart versteckt aus, dass die Opfer den Missbrauch oft nicht bemerkten: Wer sich traute, beim „Watschenspiel“ den Mann zu schlagen, bekam die mehrfache Ration zurück. Es galt als Mutprobe bei den Buben, auf den Erzieher hinzuhauen und seine schweren Ohrfeigen zu ertragen. Den sadomasochistischen Täter befriedigte das „Spiel“ sexuell.
In anderen Situationen erlaubte der Mann mehreren Buben, sich gemeinsam auf ihn zu stürzen. Während der Erzieher unter einem Knäuel Kinder am Boden lag, befriedigte er sich selbst.
Brave Kinder durften bei ihm „Schoßisitzen“, seinen Bauch streicheln und Schachfiguren in den Nabel stellen.

Falsche Liebe

Viele Täter ziehen die Kinder gedanklich in ihre eigene Sexualwelt hinein. Der Täter bildet sich ein, das Kind liebe ihn sexuell und finde Gefallen an sexuellen Handlungen mit ihm. Viele behaupten, das Kind habe sie verführt – durch aufreizende Kleider oder „eindeutiges“ Verhalten.
Die Täter fallen nicht spontan über ihre Opfer her. Sie planen die Tat, suchen nach Möglichkeiten, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, ködern es mit Geschenken, warten Gelegenheiten ab, etwa bis die Ehefrau das Haus verlässt, oder schaffen solche Gelegenheiten gezielt.
Pädophile (Erwachsene, die zwanghaft mit vorpubertären Kindern sexuelle Beziehungen haben wollen) verlangen offen das „Recht des Kindes auf Sexualität“. Doch Kinder haben nicht die Reife zu entscheiden, ob sie „Sex“ mit einem Erwachsenen haben wollen oder nicht – Erwachsene sind für sie Autoritätspersonen, Widerspruch ziemt sich nicht. Vor allem Mädchen werden so erzogen.

Fremde Täter

Fremde Täter sind die Ausnahme: Sechs Prozent haben ihre Opfer vor der Tat nicht gekannt. Sie treten oft als Exhibitionisten auf, Männer, die es befriedigt, wenn jemand beim Anblick ihres entblößten Geschlechtsteils erschrickt.
Fremde, die ein Kind verschleppen wollen, versuchen Vertrauen aufzubauen zu dem Kind, ehe sie sich an ihm vergreifen. Sie wollen Gewalt vermeiden, die auf der Straße auffallen würde, oder das Gefühl haben, das Kind habe es gewollt.
Täter, die weder körperliche Gewalt anwenden, noch seelischen Druck ausüben wollen, sind die „Kunden“ der Zuhälter von Kindern, die zur Prostitution missbraucht werden.

Mile war gerade zehn geworden, als er in eine Clique 12- bis 14-jähriger Burschen geriet, die am „Homosexuellen-Markt“ missbraucht wurden. „Wir sind mit dem Auto vom Prater abgeholt und in eine Wohnung gebracht worden“, schilderte er der Polizei. „Dort haben wir uns ausziehen müssen und uns zu dritt in die Badewanne gesetzt. Peter hat uns fotografiert, dann hat er sich zu uns in die Wanne gesetzt und uns gestreichelt. Ein anderes Mal hat er uns gefilmt, wie wir uns gegenseitig befriedigt haben.“
Peter war Mittelschulprofessor. Er fand nichts dabei, mit den Buben ein wenig „herumzuspielen“, sagte er bei seiner Vernehmung. Schließlich hätten sie es freiwillig gemacht. Überdies habe er ihnen Geld dafür gegeben, meist zwischen 10 und 50 Euro.


Beendigung

Von allein hört sexueller Kindesmissbrauch nicht auf, vor allem wenn Täter und Opfer unter einem Dach leben. Der Täter gewöhnt sich daran, seine sexuellen Fantasien auszuleben; die Druckmittel erhalten eine Eigendynamik, funktionieren von allein. Selbst wenn der Täter aufgedeckt wird und beteuert, er werde keine weiteren Taten setzen, ist die Gefahr groß, dass er weitermacht.

Maßnahmenvollzug

Die Gerichte stufen die Täter selten als abartig ein. Nur ein bis sechs Prozent gelten als unzurechnungsfähig, abnorm oder als gefährliche Rückfallstäter und werden in eine Sonderstrafanstalt eingewiesen, in den so genannten Maßnahmenvollzug. Da dort nur die schwersten Fälle landen, ist die Rückfallsquote besonders hoch – bei Männern, die im Maßnahmenvollzug waren: 48 Prozent.

Normalvollzug

Täter im Normalvollzug bekommen vom Staat keine Therapie verschrieben. Bei ihnen liegt die Rückfallsquote zwischen 40 und 50 Prozent. Selbst bei jenen, die behandelt worden sind, ist die Rückfallsgefahr hoch. Die Therapie hat positive Folgen und negative. Sie kann Depressionen und Angst verursachen, und sie kann unfähig machen, ohne sie zu leben. Die Heilungschancen sind auf jeden Fall gering, wenn der Behandelte der Therapie ablehnend gegenübersteht und sich nicht einbringt.
Kastration. Die operative Kastration wird kaum als Mittel angewendet, um einen Sexualtäter vom Rückfall abzuhalten. Bei der „chemischen Kastration“ bekommt der Mann ein Medikament verabreicht, das das männliche Sexualhormon Testosteron im Blut verringert. Das ist kein Wundermittel: Die Erektion wird geringer und schwächt rasch ab – unmöglich wird sie nicht; denn der geistige Impuls zur Erektion wird nicht beseitigt. Auch die sexuelle Fantasie des Behandelten wird nicht ausgelöscht. Bei Patienten, die das Präparat absetzen, kehrt die Potenz nach fünf Monaten wieder zurück.
Die Wirkung der „chemischen Kastration“ ist kaum erforscht. Eine Untersuchung ist bekannt: Dabei wurde ein Drittel der Männer, während die Behandlung mit dem Mittel lief, rückfällig. Nach Absetzen des Mittels wurden alle rückfällig.