Knapp am Abgrund

Ihre Kindheit hat sie verdrängt. Mit ihrem Leben wollte sie Schluss machen. Eine 30-jährige Frau erzählt, wie sie als Kind von ihrem Vater vergewaltigt wurde.

Christa hat keine abgebissenen Fingernägel mehr, sie zieht sich gern schön an und pflegt ihr Haar wieder. Sie ist Anfang dreißig. "Da wird es langsam Zeit, Kinder zu kriegen", meint Christa. Aber erst müsse sie ihre eigene Kindheit unter Kontrolle bekommen. "Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt sie.
Äußerlich waren die Familienverhältnisse, unter denen sie aufwuchs, völlig normal. Der Vater Tischler, die Mutter Hausfrau. Sie widmete sich den beiden Kindern, Christa und ihre um 17 Monate ältere Schwester, voll und ganz. Als Christa 14 war, ließen sich die Eltern scheiden. Der Vater tauchte ein Jahr lang unter, um dann mit der "Neuen“ wieder aufzukreuzen, einer um 20 Jahre jüngeren Frau aus dem Osten.
Christa wusste schon immer, irgendetwas war mit ihr nicht in Ordnung. "Wenn in der Fernsehsendung `Aktenzeichen xy … ungelöst´ Vergewaltigungsszenen gelaufen sind“, erzählt sie, "habe ich ein kribbelndes Vergnügen empfunden. Es hat mich erregt. Ich habe es nicht länger als eine halbe Minute ausgehalten. Danach ist mir jedes Mal schlecht geworden, ich musste den Fernseher abdrehen.“
In ihrer Jugendzeit wurde Christas Leben chaotisch. Sex und Gewalt waren für sie eins. "ch habe die Typen reihenweise aufgegabelt, völlig wahllos“, schüttelt sie heute den Kopf. „Dann wieder habe ich mir nicht hässlich genug sein können.“ Sie zog sich schwarz an, ließ ihre Haare fett werden. – "Heute würde mir vor mir selber grausen.“ Zwei Tage vor ihrem 23. Geburtstag wollte sie einen Schlussstrich ziehen. „Ich habe die Musik auf volle Lautstärke gedreht“, erzählt Christa, „dann habe ich mich mit Tabletten und Alkohol vollgepumpt.“ Bei jedem Schluck Wein hatte sie den Geruch ihres Vaters in der Nase.

Christa wurde im Krankenhaus wach

Ihre Schwester hatte sie rechtzeitig entdeckt. „Als ich meine Mutter in ihrem bunten Kleid in das Krankenzimmer kommen gesehen habe, hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen.“
Christas Leben änderte sich. Sie hängte das Jus-Studium an den Nagel und begann bei einer PR-Agentur zu arbeiten. Mittlerweile hatte sie ihren heutigen Dauerfreund Helmut kennengelernt. An ihrem krankhaften Männerkonsum änderte sich allerdings nichts.
"Anfang 1993 – wir waren gerade wieder einmal getrennt“, erzählt Helmut, "habe ich Christa besucht. Kurz zuvor hat sie einen anderen Freund aus der Wohnung geworfen.“ Auch Helmut war nicht lange bei Christa. Es kam zu einem kurzen Streit. Helmut sollte gehen. Doch er hatte gemerkt, da gab es irgendetwas, von dem er nichts wusste. Helmut war schon länger der Wortschatz Christas aufgefallen. Wörter wie "Gewalt“, "Vergewaltigung“, "zum Sterben“ kamen immer wieder vor.
Er fuhr zu Christa zurück. Sie redeten die ganze Nacht. Schritt für Schritt kamen die verdrängten Bilder wieder in Christas Gedächtnis.

Vater-Mutter-Kind-Spiel

Christa redete zum ersten Mal in ihrem Leben darüber, was vor knapp 20 Jahren passiert war. Es war an jenem Tag, als ihre Mutter wegen einer Herzschwäche in ein Krankenhaus gebracht wurde. Christa schlief nicht zum ersten Mal im Bett ihrer Mutter. Sie war bereits eingeschlafen, als sie durch das Reiben an ihrem Unterleib wach wurde. Das Nachthemd war über ihren Kopf gezogen. "Er hat es auf dieselbe Tour wie schon so oft versucht – mit dem Vater-Mutter-Kind-Spiel“, erzählt Christa. Ihr Vater zeigte ihr: "Große machen das so …“ Christa erinnert sich, wie ihr Vater versuchte, mit ihr zu schlafen. Die Tortur endete damit, dass er auf ihrer Brust kniete. Christa drohte zu ersticken. Sie wehrte sich, weinte, schrie aber nicht. Erst als sie erbrach, ließ ihr Vater von ihr ab.
"Er muss selber einen Schock bekommen haben“, meint Christa heute. Er hatte ihr gedroht, wenn sie jemandem etwas erzähle, würde die Mutter am Herzinfarkt sterben. Am nächsten Tag sprach er kaum mit ihr. Es schien, als hätte er ein schlechtes Gewissen.
Christa zog das blutverschmierte Leintuch ab, versteckte es im Wäschekorb. "Ich war mittlerweile Weltmeisterin im Verbergen schmutziger Wäsche. Es war ja nicht das erste Mal.“ Christa weiß nicht, wie oft es zwischen ihrem neunten und zwölften Lebensjahr zu solchen Szenen gekommen war. „Es hat immer mit dem Rollenspiel begonnen“, erinnert sie sich. "Zuerst nicht jeden Tag, dann immer öfter. Er war anfangs nie brutal, später immer heftiger.“ Die Mutter habe angeblich von den Vorfällen nichts bemerkt.
Christa entwickelte eine Gegenstrategie: "Ich habe mir eingebildet, tot zu sein.“ Diese praktische Vorstellung wendete sie auch im täglichen Leben an. "Ich habe Schmerzen einfach wegdenken können“, erzählt Christa. Sie brach sich zweimal das Schlüsselbein, ohne es zu bemerken. Als sie vom Pferd fiel, verschoben sich einige Wirbel. Zum Arzt ging Christa erst am nächsten Tag.

Vom Opfer zum Täter

Unterdessen wurde Christa selbst fast zur Täterin. "Als sich meine Tante von meinem Onkel scheiden ließ“, erinnert sich Christa, "haben die Eltern meine Cousine aufgenommen. Sie war sechs, ich vierzehn.“ Christa spielte Pferd – Doris musste auf Christa reiten. Wenn die Kleine nicht mehr wollte, wendete Christa sanfte Gewalt an. "Das hat mich erregt.“
Doris starb mit 21 an Leukämie. Sie war die Einzige in der Familie, zu der Christa Vertrauen hatte. "Am Sterbebett hat sie mir erzählt, ihr Vater – mein Onkel – habe sie vergewaltigt“, schildert Christa.

Die Mutter wollte zuerst nichts davon wissen

Als Christa 28 war, sprach sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter über die Vergewaltigung durch ihren Vater. "Zuerst hat sie nichts davon wissen wollen“, erzählt Christa. "Dann hat sie eine seltsame Geschichte erzählt.“ Christa war noch ein Baby. Ihr Vater wickelte sie, als ihn Christas Mutter dabei ertappte, wie er über den Kinderkörper onanierte. Christas Mutter schnappte sie und lief in die Küche. Gesprochen hat sie mit Christas Vater angeblich nie über den Vorfall.
Christa bezeichnet ihre Mutter als "demütig und gehorsam“ dem Vater gegenüber. Der Vater sah sich am liebsten in der Opferrolle. Er wollte bedauert werden – auch als ihm seine Frau nicht das gab, worauf ein Mann angeblich ein Recht hat. "Er ist ein Leider-Typ.“
Christa wird von der schrecklichen Vorstellung verfolgt, dass er dieselben Verbrechen, die sie erleiden musste, an seiner heute zehnjährigen Tochter begeht. "Ein Begrüßungsbussi gibt sie mit offenem Mund, bereit zum Zungenkuss“, erklärt Christa. "„Und obwohl sie mich bestenfalls einmal im Jahr sieht, klammert sie sich jedesmal an mir fest.“ Alles Zeichen missbrauchter Kinder.
Christa hat noch nicht die Kraft, öffentlich davon zu erzählen, was ihr passiert ist. Sie hat es sich in den tollsten Farben ausgemalt, wie es sein möge, wenn sie es ihrem Vater endlich an den Kopf werfen kann.