Halt und Kraft geben

Sexuell missbrauchte Kinder leben in der Dauerkrise. Bei der Aufdeckung kann sie kippen. Die Familie muss Halt geben, die Opfer brauchen professionelle Hilfe.

Missbrauchte Kinder leben mit ihrer Wahrheit allein, ihre Notzeichen verhallen unverstanden. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Erlebten selber zurecht zu kommen. Schuldgefühle quälen sie zusätzlich. Als einfachste Gegenstrategie bietet sich die Verdrängung an.
Die Opfer verschieben die erlebten Verbrechen in eine andere Welt, oft in Tagträumereien, als wären sie nie geschehen – und gewinnen Abstand zur Wirklichkeit. Das kann so weit gehen, dass sie sich später an einzelne Vorkommnisse nicht mehr erinnern können, an einzelne Passagen aus ihrem Leben oder an Personen in ihrer Kindheit. Der Missbrauch wird von der übrigen Erinnerung völlig abgetrennt, hinterlässt aber in jedem Fall Brandwunden auf der Seele.
Sexueller Kindesmissbrauch ist kein Delikt wie Diebstahl oder Betrug. Ein gestohlenes Auto ist irgendwann verkraftet; Wunden auf Kinderseelen heilen nie. Drei Viertel der Opfer von Delikten, die vergleichsweise weniger in die Intimsphäre eingreifen, etwa Körperverletzung, Einbruch, Raub oder Handtaschendiebstahl, sehen die Tat als „schlimmstes Erlebnis ihres Lebens“. Noch schwieriger ist die Lage sexuell missbrauchter Kinder.

In vielen Fällen sind die psychischen Schäden irreparabel. Die Opfer bleiben ihr Leben lang gehemmt, ängstlich mit einem gestörten Verhältnis zu sich selbst oder zum anderen Geschlecht. Dauern die Folgen sexuellen Missbrauchs länger an, spricht man von einer „Traumatisierung“ – das Erlebte hat tiefe Wunden hinterlassen. Bei jedem zweiten Opfer von Körperverletzungen, Raubüberfällen mit Körperkontakt und Vergewaltigungen wirken die Folgen noch fünf Jahre nach der Tat. Ungleich schlimmer ist die Lage missbrauchter Kinder.
Nur eine professionelle Therapie kann helfen. In besonders schweren Fällen bedarf es psychologischer Betreuung bis zu viermal wöchentlich über Jahre hindurch, durchschnittlich drei bis fünf Jahre. Ein normales Sexualleben ist trotzdem nicht garantiert.
Das Kind hat ein Ausmaß an Sexualität erlebt, wie es für sein Alter nicht angepasst ist. Die sexuelle Macht des Erwachsenen ist über das Opfer gekommen wie eine Lawine und hat es unter sich begraben. Mitunter wurde das Kind körperlich verletzt, weil sein Körper dem Erwachsenen nicht standhielt. Oft musste das Kind sexuelle Praktiken vornehmen, die selbst Erwachsene seelisch verletzt hätten.

Erste Hilfe

Dem Opfer muss erst das Gefühl genommen werden, es sei an den Taten selber schuld.
Während der Aufdeckung kommen weitere Schuldgefühle im Opfer auf: Es habe den Täter „verraten“, die Familie zerstört, die Familie mit Schande befleckt oder Mitopfer als Mitschuldige ausgeliefert. Die Opfer kommen häufig aus Familien, in denen Geheimhaltung des Innenlebens der Familie an oberster Stelle steht – eine Regel, gegen die ein Kind erst verstoßen muss, um die Verbrechen an ihm aufzudecken oder Hilfe von außen zu holen.
Dieses Gefühl wird verstärkt durch psychische Zusammenbrüche von Familienmitgliedern, wenn der Missbrauch aufgedeckt wird: Die Mutter fällt in ein emotionelles Loch, die Umgebungswelt des Opfers reagiert wie gelähmt; einige glauben den Unschuldsbeteuerungen des Täters, nicht den Schilderungen des Opfers. Andere reagieren hysterisch, ohnmächtig in Bezug auf das Opfer und verunsichern es noch mehr.
Das Kind hätte es leichter, wenn die Familie nicht in Selbstmitleid zerfließen würde, sondern in erster Linie an das Opfer denken, ihm beistehen und psychische Kraft geben würde.
Dem Opfer muss wieder zu Vertrauen in sich selbst und in seine Umwelt verholfen werden, um es (über)lebensfähig zu machen. Es muss wieder aufgerichtet werden. Das geht nur mit professioneller Hilfe. Der Familie kommt eine wichtige Rolle zu, in der sie dem Opfer Halt gibt, ihm verständlich macht, dass sie ihm glaubt und es nach außen hin abschirmt. Das gesamte Umfeld sollte dem Opfer signalisieren, dass eine solche Straftat nicht hingenommen wird, ein Täter nicht folgenlos mit einem Menschen so umgehen kann, und es sollte dem Opfer die Sicherheit geben, dass der Täter seinen Angriff nicht wiederholen können wird.

Der Ersthelfer

Jenem Menschen, dem sich das Opfer als Erstem anvertraut, kommt eine besondere Rolle zu. Diese sollte er in den nachfolgenden Monaten nicht aufgeben. Die Vertrauensperson ist durch den Therapeuten oder Arzt nicht ersetzbar. Sie ist vermutlich einer der wenigen Menschen, denen das Opfer vertraut und bei denen es bereit ist, sich das Erlebte von der Seele zu reden.
In erster Linie sollte der Ansprechpartner zuhören, verstehen, Mitgefühl zeigen und Ratschläge nur erteilen, wenn es das Opfer verlangt. Es ist verunsichert und sucht Halt. Je mehr Unterstützung das Opfer bekommt, desto rascher und gründlicher verarbeitet es das Erlebte.
Der oder die Vertraute hat die Aufgabe, das Opfer nach außen hin abzuschirmen: Es wird nach der Aufdeckung Stimmen geben, die die Tat bagatellisieren, meinen, es hätte schlimmer kommen können. In dieselbe Richtung geht es, wenn der mutmaßliche Täter festgenommen wird und bald wieder frei kommt. Das wertet die Opfer ab.
Vielfach sind „dumme Sprüche“ an der Tagesordnung. Außenstehende degradieren die Straftaten oft mit Witzen.
Die häufigste Form des Falschverstehens sind Mitschuldvorwürfe. Einige werden nach der Aufdeckung wissen, was die Tat verhindert hätte, was das Opfer besser tun oder unterlassen hätte sollen und was Familienmitglieder falsch gemacht hätten.
In manchen Fällen wird das Opfer gemieden. In der Schule will niemand neben dem Kind sitzen, das vom Vater vergewaltigt worden ist. Die Mitschuld wird beim Opfer vorausgesetzt.
Je bekannter die Tat ist, desto schwieriger wird das Leben für das Opfer. Ein Aufarbeiten der Probleme in der Öffentlichkeit ist ein schwieriger Weg. Gelingt es nicht, die Anfeindungen vom Opfer fernzuhalten, wird es zum zweiten Mal zum Opfer.

Faktor Pubertät

Erschwert wird die Situation des Kindes, wenn es in der Pubertät steckt – eine Phase, in der jedes Kind mit sich und seiner Umwelt um seine Identität ringt. Die sprachliche Entwicklung ist im Umbruch – nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen. Körperlich herrscht Ausnahmezustand: Pickel, die erste Regelblutung, der Gang sollte lässig sein, wirkt aber tollpatschig; der Heranwachsende sieht sich kritisch in den Spiegel: Die Oberschenkel sind zu dick, die Arme zu lang, zu viel Speck beult die Jeans an den Hüften aus. Magersucht und Bulimie (Erbrechen nach jeder Mahlzeit einhergehend mit Abmagerung) sind häufige Folgen der Pubertätskrise – können aber Zeichen sexuellen Missbrauchs sein, als Ausdruck für etwas, das der Jugendliche nicht aussprechen möchte, das er aber loswerden will.
In seiner Gefühlswelt macht der Jugendliche eine Berg- und Talfahrt durch. Die Stimmung schwankt zwischen Aggression und Mitleid, zwischen Freude und Trauer. Der Jugendliche ist verunsichert im Niemandsland zwischen Kind und Erwachsensein.
Ein sexueller Missbrauch in diesem Lebensabschnitt wirft das Opfer um so mehr aus der Bahn. Auch ein Missbrauch, der länger zurückliegt, macht dem Kind in der Pubertät zu schaffen. Schließlich ist es jene Phase, in der der Heranwachsende seine Sexualität entdeckt. Der Missbrauch belastet diesen Vorgang schwer.