Das Schweigen brechen

Sexuell missbrauchte Kinder sind selten in der Lage, über die Verbrechen zu sprechen, die an ihnen verübt worden sind. Erwachsene überhören ihre verschlüsselten Notrufe. Die Zeichen sind selten eindeutig.

Jeder sexuelle Kindesmissbrauch verletzt die Seele des Opfers. Wiederholt ihn der Täter, wird die Lage des Kindes immer schlimmer. Es versucht, anderen mitzuteilen: An mir geschieht Unrecht. Das Opfer ist sich nicht ganz sicher - das Gefühl sagt ihm: Was hier vor sich geht, will ich nicht, das ist nicht in Ordnung. Der Täter teilt ihm mit: Das muss so sein, du bist selbst dran schuld, verführt hast du mich, nicht ich dich. Oder: Wenn du uns verrätst, zerstörst du die Familie oder kränkst die Mutter oder bringst Schande über uns alle.
Das Kind ist innerlich zerrissen. Erst wenn die Seele unerträglich schmerzt, werden die Notzeichen nach außen deutlicher und für die Angesprochenen verständlicher.
Jede Verhaltensänderung kann ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch sein. Alle Anzeichen können entwicklungsbedingt sein, also normal oder auf andere Störungen hinweisen, etwa Drogensucht, Probleme mit Freunden oder in der Schule. Je mehr Signale ein Kind absetzt, desto genauer wird das Bild und desto eindeutiger die Richtung. Menschen im Umfeld eines Kindes, denen ein oder mehrere noch ungenaue Merkmale auffallen, sollten überlegen, ob sie bereits früher Störungen des Kindes festgestellt haben. Mit den gesammelten Verdachtsmomenten sollten sie sich an Außenstehende wenden, den Merkmalen auf den Grund gehen und weitere Schritte beraten. Die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs erfordert Stärke, die wir im Verband mit anderen eher haben als alleine.

Der Körper reagiert

Am Beginn stehen Abwehrmechanismen des Körpers, die das Opfer nicht steuert: Einschlafstörungen, Albträume, Durchschlafstörungen, Bauchschmerzen, Erbrechen, Magersucht, Sprechstörungen, Essstörungen – das Kind will seinen Körper unattraktiv dick oder dünn machen, um sich zu schützen. Es lehnt seinen Körper ab, sieht ihn als Schuldigen, fängt an, ihn zu verstümmeln: reißt sich Haare aus, verbrennt sich die Haut mit Zigaretten, unternimmt im Einzelfall einen Selbstmordversuch. In eine ähnliche Richtung geht der Waschzwang: Das Opfer bekämpft das Gefühl befleckt zu sein mit Wasser und Seife. Es hüllt den Körper ein, zieht sich beim Turnunterricht nicht aus, geht angezogen ins Bett, um sich vor Berührungen zu schützen. Andere Opfer verlieren das Schamgefühl.
Manche Kinder werden aggressiv und aufsässig, andere ziehen sich zurück oder leiden unter Angstzuständen. Die einen ruinieren ihr Spielzeug, die anderen verkriechen sich still in eine Ecke, reden nicht mit Altersgenossen oder mit Erwachsenen. Die Zerstörungswut kann am Fernsehkonsum des Kindes liegen oder ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch sein. Genau wie das Meiden der Spielecke im Kindergarten, das tausend andere Gründe haben kann.
Wenn das Kind einem bestimmten Verwandten oder Bekannten aus dem Weg geht, kann das Folge einer sexuellen Annäherung durch ihn sein, oder der Betroffene ist dem Kind einfach unsympathisch.
Tritt plötzlich Bettnässen auf, ist das ein ernstes Zeichen. Ein Beweis für sexuellen Missbrauch ist es nicht. Bis zum ersten nächtlichen Urinieren könnte es aber bereits mehrere Notrufe gegeben haben, die die Außenwelt nicht verstanden hat. Ein Rückfall in eine frühere Entwicklungsstufe, das Klammern an die Mutter, Scheu vor Männern, grundlose Lügengeschichten können Anzeichen für sexuellen Kindesmissbrauch sein.
Drogenkonsum und sexueller Missbrauch sind eng miteinander verknüpft. Mehr als achtzig Prozent der drogenabhängigen Mädchen wurden in ihrer Kindheit missbraucht, Prostituierte zu siebzig Prozent. Und die Opfer werden selbst zu Tätern, wenn sie reifen. Sie haben ein falsches Verständnis von Sexualität mitbekommen, praktizieren das, was ihnen mitgegeben worden ist.
Alle Alarmglocken sollten schrillen, wenn ein Kleinkind am Unterleib verletzt ist, Blutungen auftreten, wenn es eine Geschlechtskrankheit hat oder sich sexuell nicht altersgemäß verhält.

Bild im Bild

Mit Kinderzeichnungen verhält es sich wie mit Essstörungen oder aggressivem Verhalten:Sie können ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch sein, müssen es aber nicht; sie können unbewusste Botschaften enthalten, müssen es aber nicht. Besonders gefährlich sind Laiendeutungen. Wenn jemand meint, eine oder mehrere Kinderzeichnungen enthielten Hinweise auf seelische Störungen, sollte ein Arzt, Psychologe oder Psychiater beigezogen werden. Selbst diesem müssen Begleitumstände bekannt sein wie etwa:
• Auffälligkeiten im Verhalten des Kindes;
• welchen Entwicklungsstand das Kind erreicht hat;
• unter welchen Umständen die betreffenden Bilder entstanden sind und wie die Vorgaben lauteten;
• ob die Bilder spontan gezeichnet wurden oder ob sie ein Erwachsener angeregt hat;
• ob das Kind ein besonders „schönes“ Bild malen wollte;
• ob es dabei an einen Film gedacht hat;
• ob während des Zeichnens spezielle Impulse von außen gekommen sind;
• ob das Kind in einer Situation war, in der es sich durch besondere Umstände öffnen konnte;
• ob es das Bild allein gezeichnet hat oder mit anderen;
• welche Mittel zur Verfügung standen (Bleistift, Malfarben oder Buntstifte).
• Schließlich sollte der Experte hören, was das Kind selbst zu seinem Bild zu sagen hat.
Eine wichtige Rolle haben Kinderzeichnungen in der Therapie. Die Opfer können sich ihr Leid von der Seele malen – allerdings nur in der Obhut eines Therapeuten. Finger weg von Selbstbehandlung oder Behandlung durch Scharlatane. Wie bei körperlichen Verletzungen oder Krankheiten kann falsche Behandlung noch mehr Schaden anrichten als heilen.

Selten gesprochen

Die Sprache ist das ungeeignetste Mittel für sexuell missbrauchte Kinder, sich bemerkbar zu machen. Das gilt für Kinder, die von Verwandten oder Bekannten missbraucht wurden, ebenso wie für Kinder, die einem Fremden zum Opfer gefallen sind. Sie erzählen es ihren Eltern nicht klipp und klar, wenn sie ein Erwachsener im Freibad sexuell belästigt hat. Sie behalten es für sich, wenn sie ein Unbekannter am Schulweg anspricht. Das Verdrängen funktioniert oft so lange, bis die Opfer selber Kinder haben und sie vor dem bewahren wollen, was ihnen widerfahren ist. Oft tritt erst dann das Erlebte wieder an die Gedächtnisoberfläche.
Zum Reden sind die Kinder nur zu bewegen, wenn sie „präventiv“ erzogen werden. Wenn sie täglich vermittelt bekommen:
• Sie können ihrem Gefühl vertrauen,
• sie haben ein Recht auf ihren Körper,
• sie dürfen über alles sprechen,
• sie dürfen „nein“ sagen.
Ein Kind, das täglich eingeschüchtert wird, wird kaum offen über ein Problem sprechen, das seine Sexualität betrifft (Näheres zum Thema „präventive Erziehung“ im Kapitel „Vorbeugung“).

Erste Hilfe

Selbst wenn missbrauchte Kinder oder Erwachsene, die in ihrer Kindheit Opfer wurden, sich mitteilen wollen, ist es nicht einfach für denjenigen, dem sich das Opfer anvertraut. Seine Reaktion ist ebenso wichtig wie die Erste Hilfe bei einem Verkehrsunfall: besonnen handeln, beruhigend mit dem Opfer sprechen, keine quälenden Fragen, die nötigen Sofortmaßnahmen treffen und einen Arzt, Psychologen oder Psychiater zu Rate ziehen.
Auch Opfer, die vor zwanzig Jahren als Kind vergewaltigt wurden, brauchen Hilfe von einem Therapeuten. Selbst wenn die Tat verjährt ist, ist es überlegenswert, die Straftat der Exekutive zu melden oder dem Jugendamt bekannt zu geben. Der Täter könnte weiter vergewaltigen. Allerdings, je länger der Missbrauch zurückliegt, desto schwieriger ist es, ihn zu beweisen.
Mehr als die Hälfte der aufgedeckten Fälle sind verjährt – Gerichte können die Täter nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Je nach Schwere der Tat und deren Folgen verjähren die Delikte nach fünf bis zwanzig Jahren. Laut Wiener Beratungsstellen werden achtzig Prozent der Fälle frühestens nach zwei Jahren angezeigt.